Sonntag, 15. Juni 2014

Stand der Dinge - Juni '14

In meinen "Stand der Dinge"-Beiträgen werde ich immer einen kurzen Einblick in meine derzeitige Arbeit geben - in der Hoffnung, dass es Leute gibt, die das interessiert. Ich finde, es kann sehr bereichernd sein, von schriftstellerischen Arbeitsschritten, Methoden und Herangehensweisen zu lesen - aber ich schreibe ja auch selber.

Dennoch wünsche ich mir, dass auch Leute, die selber nicht schreiben, Gefallen an den Berichten meiner literarischen Fortschritte finden können - besagte Berichte sind sprachlich und inhaltlich natürlich ebenfalls von überdurchschnittlicher Qualität.

Ich habe im ersten Blog-Eintrag (hier) schon erwähnt, dass bereits über die Hälfte des Romans geschrieben ist. Um genau zu sein handelt sich bei der äußerst vagen Einheit "über die Hälfte" um rund 150 DIN-A4 Seiten. Aber "geschrieben" ist ebenfalls ein schwieriger Begriff - "geschrieben" heißt nämlich leider nicht immer "druckreif".

Deshalb soll es in meinem ersten "Stand der Dinge" eher um meine grundsätzlichen Schreibprozesse gehen, als um tief in die Wogen meines Buch eindringende Details. Das kommt aber auch - versprochen.

Ich glaube, wenn man ein Buch einfach runterschreiben würde und es dann so veröffentlichen könnte, wäre man - je nach Selbstdisziplin - maximal ein gutes Jahr beschäftigt. Neben Uni, Arbeit und dem bereits fertiggestellten ersten (Kurz-)Roman sitze ich nun schon weit länger als dieses gute Jahr an meinem Werk. Aber das liegt nicht (bloß) an kleinen Aussetzern im Schreibrhythmus oder Faulheit, sondern auch daran, dass es immer wieder unglaublich viel zu verändern und zu streichen gibt.

Ich weiß leider nicht, ob es üblich ist, im Nachhinein ständig ganze Kapitel und Passagen zu überarbeiten - und dann noch einmal und noch einmal und so weiter. Vielleicht erzählt irgendein bedeutender Autor auf seinem Blog auch, dass er in der Regel die erste Fassung nimmt - aber aus meiner Erfahrung heraus könnte ich diese Aussage nur mit einem freundlichen "Bullshit" kommentieren.

Man könnte jetzt böswilligerweise behaupten, diese ständige Nachbearbeitung würde an mangelnder Planung liegen - in meinem Fall tut sie das natürlich nicht, meine Vorarbeit war selbstverständlich fehlerfrei und ist in keinster Art und Weise in Frage zu stellen. Nein, das Überarbeiten oder Streichen von bereits verfassten Teilen des Buches ist auf die Art zurückzuführen, wie ich schreibe.

Die Handlung, die Charaktere und die Atmosphäre - das sind die drei Dinge, die meiner Meinung nach absolut rund sein und stimmen müssen, um ein gutes Buch zu ergeben. Dazu gehört auch, dass nichts davon langweilig oder abgegriffen ist. Ich versuche in meinem Roman nicht, das Rad neu zu erfinden - das kann ich auch gar nicht. Aber ich versuche genügend spannende und von der Fantasy-Norm abweichende Nuancen zu setzen, um meine (noch imaginäre) Leserschaft gut zu unterhalten und zu überraschen.

Während des Schreibens ist mir aufgefallen, dass je vorstrukturierter ein Kapitel ist, bevor ich mich daran setze, desto enger und eintöniger wird es oftmals. Vielleicht liegt das daran, dass mein Schreibstil aufblüht, wenn spontane Ideen mit in die Kapitel einfließen - und er verkümmert, wenn ich das Planungs-Korsett, welches ich zuvor durch Skizzen, kleine Notizen oder gar einer vorgeschriebenen Zusammenfassung geschneidert habe, nur noch eng und fest verschnüre. 

Im Schreibfluss aufkommende Ideen können manchmal zu unvorhergesehenen Wendungen führen und das ist ziemlich prima. Nur leider erfordern sie manchmal eine grundlegende Änderung des zuvor Geschriebenen und das ist eher mittel bis geht so. Da ich allerdings den Anspruch an mich selber habe, eine gute Idee nicht zu verwerfen, bloß weil sie nicht in die bisher erschaffene Geschichte/Welt passt, muss ich mich weiterhin dem Übel stellen, welches ich oben bereits als die ewig wiederkehrende Überarbeitung beschrieben habe.

Beispiel gefällig?

Mir ist vor kurzem aufgefallen, dass ein ziemlich handlungszentraler und -relevanter Dialog recht weit hinten im Buch liegt - was aus einer bestimmten Perspektive auch Sinn ergab: Den Leser möglichst lange im Unklaren darüber zu lassen, was gerade vor sich geht. Allerdings ist mir aus einem anderen Blickwinkel heraus plötzlich aufgefallen, dass es ziemlicher Schwachsinn ist, so lange mit dem klärenden Gespräch hinter dem Berg zu halten - nämlich aus dem Blickwinkel der Charaktere. Zwei der Protagonisten sind seit sehr langer Zeit ziemlich gut befreundet - da würde keiner der beiden dem jeweils anderen (noch dazu nach dessen Rückkehr aus dem Exil) über einen Zeitraum von mehreren Tagen so wichtige Infos, wie dass die Hauptstadt ihres Königreiches unter Quarantäne steht, vorenthalten.

Wenn etwas aus der Perspektive der Figuren keinen Sinn ergibt, dann leidet darunter vor allem ihre Glaubwürdigkeit. Die Tatsache, dass durch das längere Vorenthalten von wichtigen Informationen die Nachvollziehbarkeit der Charaktere in den Hintergrund rückte, konnte ich natürlich nicht stehen lassen (wenn euch das Wortspiel aufgefallen ist - ja, das war Absicht).

Also: neues Kapitel ins erste Drittel des Romans eingefügt, Dialog dorthin gepackt. Nun lagen aber hinter diesem neuen Kapitel sechs andere, in denen der besagte Protagonist so handelte, als hätte er keine Ahnung davon, was während seiner Abwesenheit im Land eigentlich geschehen ist - ebenso wie der Leser davon keine Ahnung hatte. Nach dieser Änderung wussten allerdings beide Bescheid und deswegen musste ich mich der unangenehmen Notwendigkeit beugen, diese sechs Kapitel von vorne bis hinten zu überarbeiten - um sie dem neuen Wissensstand aller Beteiligten anzugleichen.

Und das ist noch ein harmloses Beispiel. Aber - wie bei so vielen Dingen im Leben - gehen Freude und Trauer hier Hand in Hand. Erst verfluche ich die gottverdammte Geschichte und ihre dickköpfigen Charaktere, denen ich mich wieder einmal fügen und mehrere Passagen umkrempeln musste. Aber wenn ich fertig bin und das Neugeschriebene lese, bin ich mir wieder sicher, endlich auf den Punkt gekommen zu sein. Es wird ein gutes Buch, sage ich mir dann. Bis plötzlich eine neue Figur in meinem Kopf auftaucht, die gar nicht geplant war, aber so rund und buchreif ist, dass ich sie nicht ignorieren kann. Schreib mich mit in die Handlung, schreit sie mir ins Ohr und natürlich kann ich mich diesem Befehl nicht widersetzen. Und ich verfluche und beleidige sie, bis ich sie schließlich in alle Kapitel eingefügt habe. Dann lese ich die ganze Geschichte erneut und sage mir, scheiße, das wird wirklich ein verdammt gutes Buch. Aber natürlich wartet hinter der nächste Ecke bereits die nächste, hundsgemeine Idee...

Ungefähr so ist gerade auch der Stand der Dinge, um auf das Thema zurückzukommen. Ich lache und ich weine jetzt schon bei dem Gedanken, mich gleich wieder an die nächsten fünf Kapitel setzen zu müssen, in denen grundlegende Änderungen erforderlich sind. Aber es wird sich lohnen, da bin ich mir sicher. Für mich selbst am allermeisten, denn an jeder Hürde wachse ich, wachsen meine Figuren und wächst mein Roman. Aber für euch wird es sich auch lohnen.

Die 50 €, die ich berechtigterweise für die Hardcover-Edition des Romans haben wollen werde, werden eine sehr gute Investition sein. Trust me.

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