Dienstag, 23. September 2014

Max schreibt - Der Rote Schleier

Letzten Monat habe ich an einem Schreibwettbewerb teilgenommen. Es lief unter dem Motto "Farben" und der Text sollte rund 4 Seiten lang sein. Leider habe ich es nicht unter die ersten Drei geschafft (wer sich allerdings für die Gewinner-Texte interessiert, findet sie hier).

Meine kleine Kurzgeschichte mit dem klangvollen Titel "Der Rote Schleier" möchte ich euch natürlich dennoch (oder gerade deswegen) nicht vorenthalten, darum findet ihr sie direkt unter dieser kurzen Einleitung.

Viel Spaß beim Lesen.

 Der rote Schleier


"Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb ist das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, schwer und brutal und stets die Farbe, die von den anderen Farben bekämpft werden muß." - Franz Marc, Maler

Grün. Seit Stunden gab es nichts anderes um sie herum, als dieses endlose, grüne Feld unter dem wolkenverhangenen Himmel. Er hatte diese Farbe satt.
Eine Krähe zog ihre einsamen Bahnen am Himmel und Avar verfolgte ihren Flug. Plötzlich legte sie die Schwingen an und stürzte sich in die Tiefe, um im nächsten Moment mit einem kräftigen Flügelschlag wieder aufzusteigen. Es war ein faszinierendes Auf und Ab. Nach einiger Zeit verabschiedete sich der Vogel allerdings von Avar und dem Mädchen und verschwand in der Ferne. Langsam lenkte er seinen Blick wieder auf die Grasfläche – und wie aus dem Nichts tauchten sie vor ihnen auf.
Sofort blieb Avar stehen und bedeutete dem Mädchen, dasselbe zu tun.
"Bleib hinter mir", flüsterte er, während die Gestalten langsam näher kamen. Vier dunkle Silhouetten, die sich gegen den graublauen Himmel abhoben und aus dem hüfthohen Gras hervorragten – vier Schatten, die sich bedrohlich über das Feld legten.
Der rechte trug einen Stab über der Schulter, der daneben hielt zwei Äxte in seinen Händen, der linke führte ein Schwert mit sich und der vierte ließ eine nietenbesetzte Kugel in der Luft schwingen, die an einer dicken Kette hing.
Als sie nur noch rund fünfzehn Fuß entfernt waren, blieben sie stehen. Avar betrachtete ihre grimmigen, gezeichneten Gesichter und war sich sicher, dass die Männer nicht bloß nach dem Weg fragen wollten. Vorsichtig legte er die rechte Hand an den Griff seines Schwertes, bereit es zu ziehen und zu benutzen.
"Auf ein Wort, Wanderer", rief der mit den Äxten und trat einen Schritt nach vorne. Die Haare fielen ihm in wilden Strähnen über das Gesicht und ein paar davon bewegten sich in seinem Atem, wenn er sprach.
"Ihr seht nicht so aus, als wolltet ihr nur ein Wort wechseln", gab Avar zurück. Der Mann antwortete mit einem breiten Grinsen und legte seinen Kopf schief, so als würde er die Szenerie aus einer anderen Perspektive betrachten.
"Nein, ich kann in der Tat nicht behaupten, dass wir gesprächige Kerle sind", sagte er und deutete dabei auf seine drei Begleiter. "Aber wir reisen auch schon so lange miteinander, dass wir uns untereinander nicht mehr viel zu sagen haben. Mit Fremden unterhalten wir uns trotzdem gerne, haben oft gute Geschichten – wo sie herkommen, wo sie hin wollen. Erzählst du uns auch eine Geschichte?"
"Nein. Noch nie gut darin gewesen." Avar drehte seinen Kopf leicht und erblickte das Mädchen. Sie sah ihn mit großen Augen an und ihre goldgelben Haare wehten im aufkommenden Wind. Er zwinkerte ihr zu, um ihr Mut zu machen.
"Schade", setzte der Axtkämpfer die Unterhaltung fort. "Wenn sie was erzählen, dann hören wir ihnen immer bis zum Ende zu, bevor wir sie umbringen. Wir bekommen eine gute Geschichte und sie dürfen dafür ein paar Minuten mehr auf dieser elenden Welt verbringen."
Er warf die rechte Axt hoch, ließ sie sich einmal in der Luft drehen und fing sie geschickt wieder auf. Dann fügte er an: "Aber ohne Geschichte geht's auch..."
"Ihr müsst das nicht tun", sprach Avar ruhig. "Wir könnten jeder unserer Wege ziehen und keiner würde verletzt."
Der Mann lachte kurz auf, aber seine Begleiter regten sich nicht. Wie bedrohliche, schwarze Statuen standen sie im Gras und starrten Avar an.
"Ob du's glaubst oder nicht, Wanderer", sprach der Bandit und kratzte sich mit einer seiner Äxte am Hinterkopf. "Wir haben keine Wahl. Seit einer Woche fressen wir nichts als Nüsse und Wurzeln – ich werd' schon krank, wenn ich nur dran denke. Scheiße, in Zeiten wie diesen muss man stark sein. Wir brauchen Fleisch, wenn wir überleben wollen, die Jungs und ich. Und deine Begleitung da sieht wirklich lecker aus."
Der Mann warf einen gierigen Blick zu dem Mädchen, das sich hinter Avar hielt. Der ehemalige Ritter versuchte, sich davon nicht provozieren zu lassen und betrachtete die vier Banditen. Der Schwertträger war groß, bestimmt sechseinhalb Fuß, aber sah nicht besonders kräftig aus. Sein Nachbar, der mit dem Stab, wirkte schon stärker, mit seinen breiten Schultern und Oberarmen. Der letzte im Bunde, der unentwegt die Kugel kreisen ließ, war der kleinste von ihnen, aber auch der muskulöseste. Ein Kampf würde also kein Schneckenfangen werden.
"Ich kann euch Fleisch geben", sagte Avar und ließ seinen Leinenbeutel von den Schultern. "Ich habe gestern einen Hasen erlegt."
"Ein Hase für vier Männer?", gab der Axtkämpfer zurück und legte seinen Kopf auf die andere Seite, wobei seine Haare einmal über das komplette Gesicht wanderten. "Außerdem kriegen wir ihn sowieso, wenn wir euch töten. Wir kriegen alles: den Hasen, dich und dieses saftige Mädchen."
Avar legte seinen Beutel behutsam ab und richtete sich dann wieder auf. Er schob den linken Fuß leicht nach vorne und spannte seinen Körper an. Warum hatte er überhaupt versucht, mit ihnen zu reden? Seit die Männer aufgetaucht waren, hatte er doch gewusst, dass es zu einem Kampf kommen würde. Er erinnerte sich kaum noch an das letzte Mal, als sie Menschen begegnet waren, die ohne feindliche Absichten aufgetaucht waren. Jeder gegen jeden – das war die Regel.
Blitzartig setzte der Mann sich in Bewegung. Er riss die Äxte nach oben, drehte sich ein paar Fuß vor Avar in einer Pirouette und ließ die Waffen nach vorne sausen. Der ehemalige Ritter tauchte im letzten Moment unter den Äxten hindurch, zog seine Klinge aus der Scheide und stieß dem Angreifer mit dieser Bewegung den Schwertknauf in den Magen. Der Bandit stolperte keuchend ein paar Schritte zurück, fing sich dann aber und setzte erneut zum Schlag an. Zu langsam. Avar führte einen schnellen Schwertstreich aus und schlitzte dem Mann den Bauch auf. Ohne noch einen Laut von sich zu geben, brach der Verwundete zusammen und verschwand zwischen den hochgewachsenen, grünen Grasbüscheln. Avar wollte durchatmen, aber etwas bewegte sich in seinem Augenwinkel und er sah auf.
In diesem Moment streifte ihn die Metallkugel an der rechten Schulter und ließ ihn taumelnd zu Boden gehen. Als er sich sofort wieder hochdrücken wollte, spürte er, dass er mit dem rechten Arm keinen Halt mehr fand. Ohne darüber nachzudenken stieß er sich automatisch mit der linken Hand vom Boden ab und kam stolpernd wieder auf die Beine. Zum zweiten Mal sauste das runde Metall auf ihn zu, aber diesmal schaffte er es, sich rechtzeitig zu ducken. Als er wieder hochkam, stand der Bandit mit dem Schwert vor ihm.
Avar riss seine eigene Waffe hoch und die beiden Klingen trafen aufeinander. Es klirrte. Ein heftiger Schmerz zuckte durch seinen rechten Arm, aber Avar hielt stand. Sofort schlug er wieder zu, zielte auf die linke Seite seines Gegners, aber dieser fing den Angriff mit einer Parade ab. Als die Schwerter erneut gegeneinander prallten, drückte sich der ehemalige Ritter mit aller Kraft nach vorne und gab seinem Feind einen Stoß. Für einen kurzen Augenblick brach seine Deckung auf und Avar nutzte die Gelegenheit, um dem Mann einen Faustschlag ins Gesicht zu verpassen. Es reichte, um ihn auf den Boden zu schleudern.
Noch bevor der Bandit mit dem Schwert sich wieder hochkämpfen konnte, sauste die Kugel erneut auf Avar zu. Sofort riss er seine Waffe nach oben. Die Metallkugel prallte von seinem Schwert ab und fiel ins Gras. Allerdings verlor Avar unter dem wuchtigen Aufschlag ebenfals den Halt und seine eigene Klinge sprang ihm aus der Hand. Er hatte keine Zeit, nach ihr zu suchen, er musste die Chance nutzen.
Ohne zu zögern sprang Avar nach vorne und trat auf die Kette, an der die Kugel hing. Der Bandit hatte gerade daran gezogen und die plötzliche Gegenbewegung brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er stolperte einen Schritt nach vorne und Avar kam ihm entgegen. Noch während er rannte fingerte er den Dolch hinter seinem Rücken hervor, der dort im Gürtel gesteckt hatte, und umschloss ihn fest mit der rechten Hand. Sein Arm schmerzte zwar, aber er ignorierte es. Panisch ließ der Mann die Kette fallen und holte mit der geballten Faust aus, aber Avar war schneller. Er stieß dem Mann seinen Dolch bis zum Heft in die Brust. Mit letzter Kraft verpasste der tödlich verwundete Bandit ihm noch eine harte Kopfnuss und sofort spürte Avar, dass warmes Blut über seine Stirn rann. Es lief ihm bis in die Augen und die Welt verlor ihre Farbigkeit. Das Gras wurde grau, der Himmel wurde braun.
Im Krieg hatten sie es den "Roten Schleier" genannt.
Schnell zog er die Waffe wieder hervor, trat den Mann zu Boden und wandte sich um. Von links kam der Kerl mit dem Stab auf ihn zu und rechts näherte sich der Schwertkämpfer. Avar schluckte. Hinter den beiden sah er das Mädchen. Sie hatte sich ins hohe Gras gekauert und nur ihre weit aufgerissenen Augen ragten über die grauen Spitzen hinweg.
Der Holzstab kam von der Seite und Avar ließ ihn auf seine Rippen treffen. Ächzend nahm er den schonungslosen Schlag in Kauf, um seinen linken Arm sofort fest gegen die Seite zu pressen und den Stab einzuklemmen. Er machte eine schnelle Umdrehung und riss dem Banditen seine Waffe aus den Händen. Hilflos stand er da, als Avar ihm den Dolch in den Hals stieß. Sofort wirbelt er erneut herum und warf seine Waffe zielsicher nach vorne. Sie traf den Schwertkämpfer genau in die Brust.
Avar ging ächzend auf die Knie, ließ sich ins Gras fallen und rollte sich auf den Rücken. Seine rechte Schulter pulsierte heftig, aus der linken Hälfte seines Brustkorbs drang bei jedem Atemzug ein Knirschen und immer noch lief ihm Blut ins Gesicht.
Der bräunliche Himmel war in Bewegung, Wolken rasten über ihn hinweg. Wie ein einzelner, tiefroter Tropfen vor einer helleren Fläche, tauchte die Krähe wieder auf. In weiten Kreisen flog sie über das Feld. Der Kampf hatte sie angelockt.
"Avar", drang eine ängstliche Stimme an seine Ohren. Er drehte seinen Kopf und sah das Mädchen. Ihre sonst goldigen Haaren schimmerten rot und ihre blauen Augen leuchteten in der Farbe von Kirschblüten.
Sie zog ein Tuch aus ihrer Tasche und wischte ihm über das Gesicht. Er presste die Lider aufeinander und wartete, bis sie fertig war. Als er die Augen öffnete, präsentierte die Welt sich wieder in all ihren Farben. Die Wolken waren weiß, die Krähe schwarz und die Haare des Mädchens strahlend blond.
"Bist du in Ordnung?", fragte sie. Avar rang sich ein müdes Nicken ab.
Das Mädchen sagte nichts mehr, sondern legte sich schweigend dazu, wobei sie ihren Kopf auf seinen Brustkorb bettete.
"Danke", flüsterte sie leise. Die einzige Antwort war der ferne Schrei einer Krähe, der über das ewige, grüne Feld hallte. Grün. Avar mochte diese Farbe.

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