Donnerstag, 29. Januar 2015

Max liest - Königsschwur (und sinniert über Young Adult Fantasy)

Ich kann mich - mit einem Hang zum Optimismus - als einen hoffentlich angehenden und leider unbekannten Autoren bezeichnen. Joe Abercrombie ist - nüchtern betrachtet - ein erfahrener und erfolgreicher Schriftsteller, der auf dem englischsprachigen Markt ein Vorreiter der inzwischen sehr breiten und beliebten "Grimdark"-Fantasy-Welle war. Zudem liegen zwischen ihm und mir rund 20 Jahre Altersunterschied.

Dass ich sein gerade in Deutschland erschienenes Werk "Königsschwur" (im Original: Half a King, übrigens Auftakt zu einer Trilogie) nun auf meinem Blog beurteilen möchte, könnte auf ein riesiges Ego oder Idiotie hindeuten...

An dieser Stelle möchte ich allerdings kurz mein Genie betonen.

Spaß beiseite. Ich will mich mit dem nachfolgenden Text nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und bin mir darüber bewusst, dass ich auch das Recht hätte, zu schweigen. Nun werde ich aber nicht schweigen und später kann man dann alles, was ich schreibe, gegen mich verwenden.
"Mach es doch selber besser", werden sie schreien und ich werde antworten: "Ich hab's versucht!"
"Deine Werke sind tausendmal schlechter", werden sie rufen und ich werde sagen: "Selber."
Und dann werde ich mit ein paar faulen Eiern beworfen, aber schließlich werden die Waffen niedergelegt und alle vertragen sich wieder.

Im Gegensatz zu "Königsschwur", wo gleich zu Beginn die Waffen gezückt werden müssen. 

Der König von Gettland und sein ältester Sohn wurden nämlich ermordet und in der Welt des Buches, die eindeutig von klassischen Wikinger-Motiven inspiriert ist, heißt das: Rache.

Der Zweitgebohrene, Yarvi, wird auf den Thron befördert und von seiner Mutter, der ehemaligen Königin, und seinem Onkel dazu angehalten, den Verlust zu rächen. Hinter dem Mord steckt der Herrscher des angrenzenden Königreiches und dorthin soll Yarvi seine Truppen führen. 
Dem Jungen stellen sich allerdings schnell Probleme: Sein Volk respektiert ihn nicht, weil er eine körperliche Behinderung in Form eines nicht voll ausgebildeten Armes hat. Er ist weder ein Kämpfer noch zum König erkoren und tut sich schwer damit, plötzlich eine Krone zu tragen und einen Feldzug anzuführen. Und, zu guter Letzt, wird aus den oben genannten Gründen auch noch ein Putsch gegen ihn geführt, der ihn vom Thron stößt und jemand "geeigneteren" zum neuen König erhebt. (Kein Spoiler, nur die ersten zwanzig Seiten des Romans.)

Was Yarvi auf seiner anstehenden Reise hilft, sind sein scharfer Verstand und seine jahrelange Ausbildung zum Gelehrten, die er erfuhr, während seine Altersgenossen auf dem Kampfplatz trainierten.
Und so beginnt ein langer Weg durch eine ihm feindliche Welt, bei der er nur durch den Wunsch nach Rache angetrieben wird: Rache an dem Thronräuber, Rache an den Mördern seines Vaters.

Der siebte Roman von Abercrombie ist laut eigener Aussage darauf ausgelegt, auch jüngere Leser zu begeistern. Im Bereich der Fantasy spricht man von der sogenannten: Young Adult Fantasy, auch YA. Klassische Beispiele: Narnia, Harry Potter oder Bartimäus. Sogar die Hunger-Games könnte man durchgehen lassen. 

(Nun folgt eine kleine Erörterung, wie YA-Fantasy verstanden und ausgelegt werden kann, die für meine spätere Besprechung von "Königsschwur" wichtig ist.)

Wie man die Abgrenzung zwischen Fantasybüchern, die an ein erwachsenes Publikum gerichtet sind, und YA-Fantasy definiert? Gute Frage. Die Mehrheit scheint sich darin einig zu sein, dass die Hauptfigur eines YA-Fantasy-Werkes auch ein "young adult" sein muss. 
Noch einmal in die Jugendabteilung des Buchhandels deines Vertrauens geschaut? Harry Potter - check. Eragon - check. Königsschwur - check.

Aber was ist denn mit Büchern wie der Hexer-Reihe von Andrzej Sapkowski? Hier wird die Geschichte aus den Perspektiven von Geralt, einem erwachsenen Monsterjäger, und Ciri, einer jungen, in der Ausbildung befindlichen Nachwuchshexerin, erzählt. Tja, da wird's knifflig. Ich würde Sapkowski eindeutig kein YA-Fantasy-Werk zusprechen, aber Ciris Perspektive würde die (bisher wenigen) Kriterien erfüllen. 
Bei Skullduggery Pleasent von Derek Landy gibt es eine ähnliche Figurenverteilung, mit Skullduggery, dem erwachsenen Magier, und Stephanie, seiner jungen Begleiterin. Diese Buchreihe kann man getrost einem jüngeren Publikum zuschreiben.

Wo ist also der Unterschied zwischen Sapkowskis Hexer und Landys Skullduggery Pleasent? 
Von generellen Abweichungen bei Sprache, Genre (halbwegs klassische Fantasy beim Hexer und in unserer Welt verankerte Urban Fantasy bei Skullduggery) und Veröffentlichungszeitraum möchte ich an dieser Stelle absehen, sondern mich dem Kern von Fantasy-Geschichten für Jugendliche widmen.
Und der wäre? Die jugendliche Figur, die im YA-Roman als Protagonist dient, muss als Identifikationsperson funktionieren, in der das junge Publikum eigene Wünsche und Probleme wiedererkennt. Schnell wird man feststellen, dass es nicht genügt, einen Charakter einfach nur in ein jugendliches Alter zu versetzen, um ihn auch für junge Erwachsene zugänglich zu machen. Die Welt drum herum, die Herausforderungen und der Prozess des "Erwachsenwerdens" müssen stimmen. Eine "junge" Perspektive bestimmt den Handlungsverlauf, bestimmt die Beobachtungen und bestimmt das Gefühl des Romans.

Sapkowski schreibt über Sex, rohe Gewalt, Rassismus und aussichtslose Liebe. Ciri erlebt im Kindesalter Krieg, Tod und Leid - und genau das wird aus der Perspektive ihres erwachsenen Umfelds beobachtet, wahrgenommen und schlussendlich auch artikuliert: Beim Hexer sind die Erlebnisse des Kindes für den ernsten, reiferen Ton der Geschichte notwendig. Sie erzählen keine Probleme, mit denen 12 - 16 Jährige sich beim Lesen identifizieren können. Oder, vielleicht können sie das schon, aber es wird nicht ihren eigenen Alltag widerspiegeln.

Natürlich sind hier keine Grenzen abgesteckt. Auch bei Harry Potter wird gestorben, auch bei Twilight kommt man sich körperlich näher. Entscheidend ist allein die Perspektive. Kindliche bis jugendliche Charaktere können Probleme vermitteln, die so allgemein sind, dass Leser jeder Altersgruppe sich in ihnen wieder erkennen können - aber Kinder und Jugendliche nunmal am besten.

So, zurück zu Abercrombie und zu "Königsschwur". Ich musste diesen Teil einschieben, um genau dort ansetzen zu können. Abercrombie ist mit seinen letzten Werken nämlich dem erwachsenen Publikum dadurch aufgefallen, dass seine Welt (in der alle sechs zuvor veröffentlichten Romane gespielt haben) roh und dreckig war. Die Gewaltspitzen, die er schreibt, bilden das literarische Equivalent zu dem, was man beim Film als "Gore" bezeichnet. Die Charaktere aus Abercrombies Feder waren geprägt von innerer und äußerer Zerissenheit, moralischer Fragwürdigkeit und tiefem Zynismus.

Mit dem neuen Buch erschafft er eine neue Welt, neue Figuren und legt das halbe Dutzend Werke, die dem vorangingen, geistig beiseite. Er entwirft eine Geschichte, die ziemlich klassisch daherkommt und in ihrer Thematik auch Jugendliche abholen soll, versucht aber, seinem Stil treu zu bleiben. Die große Frage ist also: Gelingt ihm der Spagat?

 Sprachlich ist "Königsschwur" absolut ausgefeilt. Ich hatte zudem beim Lesen das Gefühl, dass Abercrombie sich an der einen oder anderen Stelle mehr traut, als in seinen früheren Werken. Mehr traut, im Sinne von verschachtelteren Sätzen, ausgefalleneren Vergleichen und hier und da verspielteren Beschreibungen. Das ist aber sehr subjektives Empfinden, möglicherweise sehen manche Leser das vollkommen anders. Mir gefiel es sehr gut.

Dem Leser wird die Welt nur über das Erleben der Hauptfigur vorgestellt, was ich persönlich begrüßenswert finde. Klassisches "Worldbuilding", wie seitenlange Beschreibungen von Städten, Flora und Fauna oder auch Religionen findet nicht statt. Schade ist nur, dass Yarvi auf seiner Reise nicht an sehr vielen besonders spannenden Teilen der Welt vorbeikommt. Er verbringt viel Zeit auf einem Schiff - Schiffe kennt man als Fantasyleser. Dann gibt es eine Schneelandschaft - Schneelandschaften kennt man auch. Mir hat das "Neue" gefehlt. Andererseits hat Abercrombie ein fantastisches Sprachgefühl und kann bekannte Szenerien so prägnant darstellen, dass man direkt hunderte Assoziationen hat. Dieser Autor beherrscht es, die richtigen Knöpfe zu drücken, um ein Bild entstehen zu lassen. Auch wenn es schon bekannte Bilder sind - das macht sie ja nicht schlechter.

Die Story ist geradlinig und einfach gehalten. Wirklich große Twists oder Überraschungen habe ich nicht erlebt. Während der ersten Hälfte fieberte ich stärker mit, zur Mitte der zweiten folgten einige Ereignisse sehr rasch und dadurch zunehmend unbedeutender aufeinander. Die Abercrombie-typische Charakterentwicklung findet statt, allerdings großschrittiger als früher. Es sind die sehr groben Hiebe, die die Figuren verändern, nicht die feinen Schnitzereien. Manche Personen entwickeln sich auch gar nicht - was aber nicht negativ gemeint ist.

Gewalt und Flüche gibt es selbstverständlich, aber in abgeschwächterer Form, als bei der "First-Law"-Trilogie und den Folgebüchern. Kämpfe und Tode sind der Geschichte angemessen, bringen die Story oder Entwicklung meist gut voran, und sind sehr geradlinig und schön auf den Punkt beschrieben.

Yarvi stellt die einzige Erzählperspektive des Buches dar. Der Leser erlebt alles Seite an Seite mit ihm, weiß nie mehr oder weniger als Yarvi selbst. Über die 350 Seiten des Buches funktioniert das gut, ohne dass Abercrombie sich wiederholt. Das ist, auch schriftstellerisch betrachtet, eine große Leistung. Einzig die Gedankengänge des Protagonisten empfand ich oftmals als sprunghaft oder kaum nachvollziehbar. Abercrombie verwendet sehr viel Energie darauf, Yarvi als einen einerseits mitfühlenden, andererseits rachedürstigen, weichen, dann doch wieder harten, willensstarken, teilweise unsicheren und vor allem cleveren Jungen darzustellen. Diese Eigenschaften beißen sich über das gesamte Buch hinweg immer wieder. Nicht besonders auffällig und teilweise auch mit Yarvis jüngsten Erfahrungen und Entscheidungen einhergehend, aber trotzdem fiel es mir schwer, diesen Jungen wirklich zu verstehen und somit liebzugewinnen. Ich bewunderte ihn beim Lesen, für rasche Schlussfolgerungen und gute Ideen, aber seine Erlebnisse gingen mir nicht so nahe, dass ich ihn nach der letzten Seite schon vermisste - wie beispielsweise Glokta und Logen aus den alten Romanen.

Yarvi beschäftigt sich viel mit den Erwartungshaltungen seiner erwachsenen Umgebung, reflektiert seine Behinderung sehr oft und findet über den Verlauf des Buches immer mehr seine eigene Stimme. Symbolcharakter als auch Verhaltensmuster, in denen man sich schnell wiederfinden kann, gibt es eindeutig. Und sie sind nicht platt. Das ist alles ziemlich gut gemacht.
Dennoch gelang es der Geschichte nicht, mir über ihre volle Länge eine nachvollziehbare Entwicklung zu zeigen.

Und hier komme ich auf Abercrombies Ansatz der YA-Fantasy zurück: für mich bietet das Buch zu wenig Identifikationspotential, einerseits in der Welt und der Handlung, andererseits in der Figur von Yarvi selbst.
Na gut, ich bin kein 14 jähriger mehr, der das sicherlich besser beurteilen könnte, wenn man ihn fragen würde. Und ich will auch nicht sagen, dass dieses Buch eigentlich gar nicht ins YA-Genre passt - das tut es sehr wohl. Aber es geht eben auch besser.

Aus dem Blickwinkel des erwachsenen Fantasylesers, der ich ja eigentlich bin, ist das Buch gut. Aber kein Meilenstein. Dafür ist es zu kurz und bietet zu wenig "Fantasy". Das bringt es auf den Punkt. In einem historisch korrekten Wikinger-Gewand hätte "Königsschwur" mir vielleicht besser gefallen. Oder mit hundert zusätzlichen Seiten, die mir die Welt und Yarvi selbst in entschleunigten, fantastischeren Szenen näher gebracht hätten.
So hatte ich eine sehr gute Zeit mit diesem Buch und vor allem der erste Teil, der großteils auf hoher See spielt, weckte sehr viele schöne und lebhafte Bilder in mir, aber ich hoffe, dass die beiden Folgeteile noch mehr "Neues" und gleichzeitig mehr vom altbekannten Abercrombie zeigen werden. Ein bisschen mehr Dreck und Leid tut dem YA-Genre wirklich nicht weh. Wenn ich daran denke, was ich mit 15 oder 16 gelesen habe...

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