Donnerstag, 12. Februar 2015

Max liest - Autorität (Southern Reach Bd. 2)

Beim letzten Mal habe ich mir "Königsschwur" von Joe Abercrombie vorgenommen, es gelesen und euch dann davon erzählt. Das fiel mir streckenweise schon schwer (zum Text: hier klicken).
Jetzt, da ich "Autorität" von Jeff VanderMeer durch habe und darüber schreiben möchte, fällt mir auf, dass das noch undankbarer ist. Das ist ein Leviathan von einem Roman – also nichts, was ich euch in ein paar Sätzen erklären kann. Und erst recht nichts, das ich euch empfehlen oder wovon ich euch abraten würde. Man muss es schon selber lesen.

"Autorität" ist der zweite Band der "Southern Reach"-Reihe von Jeff VanderMeer. Die Serie besteht aus drei Büchern und der dritte Teil wird hierzulande im März erscheinen. Die Titel lauten: "Auslöschung", "Autorität" und "Akzeptanz" (im Original: "Annihilation", "Authority" und "Acceptance") und diese Titel kann man als eine Art Programmheft für den jeweiligen Band betrachten. Wenn man sich die Namen beim Lesen immer wieder vor Augen führt, werden sie fast zu einer Art "Schlüsselwörter", die einem zwar die Geheimnisse, die in diesen Werken verborgen sind, nicht eröffnen, aber zumindest den Kern oder das Thema klarmachen.

"Southern Reach" spielt in Amerika, möglicherweise leicht in der Zukunft, möglicherweise auch im hier und jetzt. Ebenso wie man nie genau erfährt, wann, erfährt man auch nie genau, wo. Es gibt ein fiktives Örtchen namens "Hedley", aber wo Hedley liegt – man weiß es nicht.
Und in diesem zeitlich und örtlich recht unbestimmten Kosmos ist vor ungefähr dreißig Jahren, infolge einer nicht näher kategorisierbaren "Naturkatastrophe", die "Area X" entstanden. "Area X" ist ein Areal mit einem Durchmesser von rund dreißig Meilen, in dem eine unzähmbare, wilde Natur das Land zurückerobert hat. Bis auf einen Leuchtturm, der an der Küste steht, wurden alle Spuren der menschlichen Zivilisation von Bäumen, Sümpfen, Gräsern, Tieren – kurz: von Flora und Fauna – zerstört und für das eigene Wachsen und Gedeihen beansprucht.
Außerdem ist "Area X" von einer unsichtbaren Grenze umgeben. Nur bis zu dieser Grenze breitete die Wildnis sich aus, auf der anderen Seite blieb alles wie es war. Allerdings funktioniert diese Grenze nicht nur als Erkennungsmerkmal, wo die "Area X" verläuft, sondern schirmt diese auch vor scheinbaren Gefahren ab. Zwar ist es Menschen möglich, sie zu überqueren (aber selbst das nur an einer ganz bestimmten Stelle), doch die Wenigsten kehren zurück. "Area X" verschluckt alles menschliche, alles zivilisatorische, jedes Gift und jeden Müll, den die Menschheit hinterlassen hat, und führt sie sich selbst zu, um einen wunderschönen, unberührten Landstrich daraus entstehen zu lassen.
Falls sich das für euch so anhört, als würde "Area X" denken, fühlen und irgendeinen Zweck verfolgen: das zu überprüfen ist die Aufgabe von regelmäßigen Expeditionen, die dorthin entsandt werden.

Der erste Band, "Auslöschung", folgt der zwölften Expedition, die aus vier Frauen besteht. Diese sprechen sich nicht mit Namen, sondern mit Aufgaben-/ Berufsbezeichnung an (zu erklären wieso sie das tun, wäre spoilern, deswegen lasse ich das). Sie reden also voneinander als die "Anthropologin", die "Psychologin", die "Landvermesserin" und die "Biologin". Die Biologin ist die Protagonistin des ersten Teils und wir erleben ihre Geschichte in Tagebuchform. Es ist ein Reisebericht über die Expedition ins Ungewisse, in die "Area X".
Der erste Teil zeichnet sich vor allem durch sehr beklemmende Atmosphäre, sehr lebhafte Beschreibungen der sprießenden Natur und das reichhaltige Gefühlsleben der Biologin aus. In vielen Buchbesprechungen und Kritiken zu "Auslöschung" wird das Werk mit denen Lovecrafts verglichen und auch ich fühlte mich an ein, zwei Stellen daran erinnert. Ebenfalls lassen sich Parallelen zu der Serie "Lost" entdecken. Während die "Area X" sich auf eine ungreifbare, unbeschreibbare Art und Weise in der Biologin (und dem Leser) ausbreitet und immer mehr von ihrer Gefahr und ihren Geheimnissen durchschimmern lässt, spiegelt die ungezähmte Natur auch immer wieder die Gedanken der Biologin.
Während sie tiefer und tiefer in die Welt der "Area X" vordringt, lernt sie sich selbst besser kennen. Und so wie sich unter der Oberfläche ihrer scheinbar friedlichen Umgebung etwas Größeres und Dunkleres zu verbergen scheint, findet sie immer mehr finstere Ecken in und an sich selbst.

Mehr möchte ich zu "Auslöschung" eigentlich nicht sagen. Außer vielleicht, dass es an vielen Stellen kryptisch, nicht einfach oder überhaupt nicht zu verstehen und großartig ist.

Im zweiten Teil, "Autorität", geht es erstmals explizit um "Southern Reach". Southern Reach ist eine staatliche (?) Behörde, die für die Erforschung der "Area X" zuständig ist. Seit der Ausbreitung vor dreißig Jahren bis zum heutigen Tage sind die klaren Fakten, die sie über die "Area X" gewonnen haben, aber ziemlich überschaubar. Southern Reach ist auch verantwortlich für die Expeditionen, die dorthin entsandt werden. Nachdem die alte Direktorin ihren Posten freigegeben hat, wird John Rodriguez als neuer Direktor dort eingeschleust. John, der sich selbst nur als "Control" bezeichnet und auch von anderen so genannt werden will, kommt von einer anderen, scheinbar noch geheimeren Behörde namens "Central".
Seine Aufgaben als neuer Direktor sind es, die alten Unterlagen seiner Vorgängerin zu untersuchen, zu ordnen und nach Wichtigkeit zu beurteilen, die Mitarbeiter zu befragen und regelmäßige Verhöre der Biologin durchzuführen, die einige Monate nach dem Aufbruch der zwölften Expedition unerwartet zurückgekehrt ist.

In diesem Band begleiten wir Control durch ein nahezu physisch erscheinendes (nicht zuletzt durch die zahlreichen Beschreibungen der Architektur von Southern Reach) Labyrinth aus Hinweisen, aus Beobachtungen, Videobändern, Notizen, merkwürdigen Gestalten, Erinnerungen und Selbstreflexionen seiner selbst. Besonders Letzteres knüpft an die Erzählstruktur aus dem ersten Teil an. An vielen Stellen scheint die Lösung des Rätsels um "Southern Reach" Thema zu sein, aber Controls Fokus liegt zunächst auf etwas anderem: Er versucht herauszufinden, was "Southern Reach" eigentlich ist und wie es funktioniert. Was hat die vorherige Direktorin gemacht und wie sah ihre Arbeit aus? Wieso liegt in ihrer Schublade eine Pflanze, die auf einer toten Maus wächst? Was hat Controls Mutter, die selber eine Agentin im Dienste Centrals ist, damit zu tun? Was verbirgt dieser Wulst aus Lügen und Doppelstrukturen vor ihm? Er kann spüren, dass da etwas ist, aber dringt einfach nicht dazu durch...

An dieser Stelle mache ich einen kurzen Schnitt, um euch einen kurzen Hinweis zu geben. Lest den folgenden Teil besser nicht, wenn ihr jetzt Lust auf die Bücher bekommen habt. Ich werde zwar keine Story-Spoiler einbauen, aber in diesen Werken ist es fast schlimmer, Atmosphäre und Lesegefühl zu spoilern, als den Plot. Woran das liegt? Wenn ich euch gleich erzähle, dass ich mir dieses und jenes beim Lesen gedacht habe, dann wisst ihr, dass ich mir das gedacht habe. Dann habt ihr eine Erwartungshaltung. Hofft vielleicht darauf, ein ähnliches Lesegefühl zu erleben, oder denkt, dass es euch bestimmt nicht so unterhalten, sondern eher langweilen wird. Kurz: ihr geht voreingenommen daran. Und ich vermute, dass das einiges verderben oder verändern könnte. Auch eine schöne Analogie zum Buch: Control versucht so unvoreingenommen an die Dinge zu gehen, wie es ihm möglich ist. Falls ihr euch eine frische Leseerfahrung wünscht, dann tut es ihm gleich. Geht unvoreingenommen an die Bücher. Lest keine Kritiken, lest auch an dieser Stelle nicht weiter, sondern fangt mit "Auslöschung" selbst an. Es klingt abgedroschen, aber alles was man darüber weiß, ist eigentlich zu viel. Noch dazu kann man vieles gar nicht beschreiben, was in diesen Büchern passiert. Dinge, die zwischen den Zeilen stecken. Vielleicht sogar zwischen diesen, nur weil ich darüber schreibe.

Noch einmal ernsthaft: Wenn ihr diese Bücher noch lesen wollt, überlegt es euch zweimal, mir weiter zu folgen! Jetzt geht's weiter:

"Autorität" kann, wie oben schon gesagt, als Codewort für das ganze Buch verstanden werden. Es geht um Autorität und zwar in beide Richtungen. Für wen ist Control eine Autorität? Wer ist eine Autorität für Control? Steckt hinter "Area X" eine Autorität, oder ist sie es selbst?
An Autoritäten mangelt es jedenfalls nicht in diesem Buch. Besonders das undurchsichtige Kräftemessen zwischen Southern Reach und Central und einer Militärbasis und "Area X" spiegelt auf der großen (oder der Makro-) Ebene das wieder, was Control in den kleinsten Gesprächen widerfährt. Wie hat der Gegenüber das jetzt gemeint? Stellt er sich über oder unter ihn? Ist es eine ängstliche Reaktion oder ein berechnetes, abgekartetes Spiel?

Fast nach jedem Satz, den eine der anderen Figuren mit Control austauscht, erfährt der Leser seine Gedanken und Deutungen dazu. Bereits nach kurzer Zeit wird klar, dass Control paranoid ist – oder zumindest sehr analytisch. Er misst jedem kleinsten Detail Bedeutung zu und das überträgt sich auf den Leser. Ist dieser Nebensatz wichtig? Muss ich in der kurzen, knappen Erwähnung eines Vogels eine ungeahnte Tragweite für das gesamte Werk sehen?

Das Verhältnis zwischen Control und den Behörden, zwischen denen er sich bewegt, kann nur als kafkaesk beschrieben werden. Wo der erste Teil der "Southern Reach"-Trilogie sich gelegentlich im Schatten von Lovecraft bewegte, kamen mir bei "Autorität" immer wieder die Namen Kafka und Orwell, aber auch Thomas Mann in den Sinn. Bestimmt gibt es noch eine Reihe weiterer vergleichbarer Stile oder Autoren, die mir aber nicht geläufig sind. Ich bin eher unbelesen, man möge mir also fehlende Vergleichswerke verzeihen.

Verfolgungswahn, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Bekannten, Verlust, zwischenmenschliche Grausamkeiten, Fatalismus, Zerstörung der Umwelt und "Wer bin ich und wieso?" sind nur ein Teil der Fragen, die VanderMeer in seinem Werk aufgreift. Nie explizit, aber sie liegen unter den Szenen und Passagen. Nicht ganz greifbar, so wie es auch für Control nie ganz greifbar ist, was gerade geschieht.

Wie schon mehrfach erwähnt, übertragen sich viele Verhaltensweise und Gefühle Controls auf den Leser. Das liegt daran, dass man während des Lesens nie mehr Wissen besitzt, als Control. Manchmal sogar noch weniger. Er möchte die Kontrolle (offensichtliches Wortspiel – check) wahren und geht bis an seine Grenzen, ohne dafür belohnt zu werden. Mit der Lösung eines Rätsels kommen meist neue, noch größere Fragen auf. Dass wir Control bei jedem Schritt begleiten und jedesmal hoffen, dass der große Vorhang jetzt endlich fällt und den Blick freigibt, sorgt natürlich dafür, dass wir uns ähnlich fühlen wie er, wenn der Vorhang eben nicht fällt. Das ist nicht nur sehr Meta, sondern auch ziemlich spannend zu erleben. Es wird nicht einmal bewusst mit unserer Erwartungshaltung gespielt, oder zumindest hatte ich das Gefühl, dass VanderMeer das nicht tut. Er hat keine Referenzwerke herangezogen und sich gedacht: so, jetzt mache ich das aber ganz anders. Er erzählt einfach, was er erzählen muss und was er erzählen will, um diesen Effekt zu erzielen. Man fühlt sich nicht betrogen, weil einem eben nicht die ganze Zeit eine Lösung versprochen, aber dann nicht erbracht wird. Man fühlt sich hineingezogen in die Welt, in der Hoffnung, selbst eine Lösung zu finden. Ja, man möchte "Area X" und VanderMeer einen Schritt voraus sein. Man möchte einen Hinweis finden, ihn entschlüsseln und sagen: So, du Ungetüm, ich habe dich bezwungen.

Jetzt verrate ich schon fast zu viel, deswegen bremse ich mich ab und lasse es für heute gut sein. Falls ihr allerdings das Gefühl bekommen haben solltet, dass dieses Buch einem nichts gibt, dann möchte ich das an dieser Stelle noch korrigieren. Eine Sache hat der Leser Control nämlich doch voraus: die Belohnung durch den Leseprozess. Control erlebt Unbeschreibliches, ohne Distanz wahren zu können. Der Leser kann Distanz wahren und die Erfahrungen und Gefühle, die das Buch ihn erleben lässt, genießen. Wohliger Grusel, beklemmende Atmosphäre und unbegreifliche Mysterien können eben auch ein Genussmittel sein. Nicht für jeden, aber für mich waren sie das. Und dadurch gewinnt man mehr, als die Lösung eines Rätsels einem geben könnte. Deshalb kann ich euch das Buch weder empfehlen, noch davon abraten. Ihr müsst eben selbst lesen.

Nächste Woche kommt dann der Stand der Dinge für Februar. Dazu möchte ich schon einmal sagen: es wird groß, Freunde, es wird groß. Bis dahin.

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