Donnerstag, 19. März 2015

Max schaut - Fantasy Filmfest Nights

Hach ja, die Fantasy Filmfest Nights. Immer wieder schön. Was? Wie, du weißt nicht was das ist? Junge, junge, junge, junge... Na gut. Ich erkläre es noch einmal:

Das Fantasy Filmfest ist ein jährlich stattfindendes Filmevent. Alle Infos hier: klick mich. 

Die Fantasy Filmfest Nights sind der kleine Bruder. Mit zehn Filmen im Gepäck zieht dieser im Frühling jeden Jahres von Stadt zu Stadt, um an jeweils einem Wochende alle Streifen im Kino zu präsentieren. Fünf am Samstag, fünf am Sonntag.

Ich war dieses Jahr zum vierten Mal in Folge da und habe mir sonntags in Köln vier Filme angeschaut, die da lauten: Marshlands, Spring, Wyrmwood und Tusk. Wer sich fragt, wie man vier Filme am Stück im Kino schauen kann, den möchte ich auf mein sehr großes und aufnahmefähiges Gehirn hinweisen. Und darauf, dass ich an einem normalen Sonntag auch nichts anderes mache. Nur eben auf der Couch, statt im Kino.

Ich kann euch sowohl die Fantasy Filmfest Nights als auch das Fantasy Filmfest nur wärmstens ans Herz legen, wenn ihr auf bildgewordene Genrekost steht. Science-Fiction-, Horror-, Asia-, Fantasy- und Arthouse-Freunde sind hier bestens aufgehoben. Die Auswahl ist immer superb und meist kommen die Filme, die man dort schauen kann, nicht einmal regulär ins Kino - oder erst Monate später, dann mit deutscher Synchronisation und oft geschnitten. Richtig, auf den Filmfest Nights gibt es immer den O-Ton. Wenn der O-Ton nicht englisch ist, gibt es englische Untertitel. Cool!

Im folgenden möchte ich euch alle vier Streifen vorstellen und meine jeweilige Meinung dazu teilen. Lasset die Filme beginnen!


Marshlands
  
Juan und Pedro sind zwei Ermittler, die aus nicht näher bekannten Gründen von der Hauptstadt in den Süden Spaniens versetzt werden. Die titelgebenden Marshlands sind ein riesiges Gebiet, in dem der Guadalquivir sich in ein Flussdelta auflöst und die Landschaft in ein Geflecht aus Flüssen, Sümpfen und Dünen verwandelt. Typischerweise sind die Menschen dort verschlossen und die Häuser heruntergekommen, und andersrum. Typischerweise sehen sich die Protagonisten und Gesetzeshüter einem mysteriösen Doppelmord und gleichzeitig ihrer eigenen, düsteren Vergangenheit gegenüber. Typischerweise endet alles im Regen.

Die spanische Produktion erinnert nicht nur auf dem Papier an deutsche Fernsehkrimis. Wo in deutschen Filmen oft die deutsche Vergangenheit aufgearbeitet wird, widmet sich Marshlands der spanischen Vergangenheit, sprich: dem Franco-Regime. Auch das Geflecht aus zwei ungleichen Partnern gibt es nicht erst seit gestern.

ABER... Dieser Film macht all diese Dinge richtig und untermauert das mit wunderschönen Bildern, einer Kameraarbeit, die zeigt, dass da jemand sein Handwerk beherrscht, und einer Story, die gar nicht so 0/8/15 ist, wie man vielleicht befürchtet. Der Rückgriff auf die Franco-Zeit ist weder plump noch vordergründig, aber trotzdem funktioniert der Film darüber auf mehreren Ebenen. Die Figuren sind hervorragend verkörpert. Kurzum: Marshlands entpuppt sich als ein mit Noir-Anleihen gespickter Krimi, der mit tiefgründigen Charakteren und einer hervorragenden Atmosphäre aufwartet. Auch wenn die Message des Films eher deprimierend ausfällt und zum Nachdenken anregt, macht der Streifen viel Spaß! Zurecht mit 10 Goyas ausgezeichnet und ein guter Einstieg in den Sonntag.

Spring

Evan (Lou Taylor Pucci, unter anderem im Evil Dead-Remake zu sehen) lebt in Kalifornien, doch abgesehen von der Sonne ist in seinem Leben nichts besonders sonnig: sein Vater starb bei einem Autounfall, seine Mutter kurz darauf an Krebs. Er gerät in Schwierigkeiten mit einer Gang, verliert seinen Job und seine Freundin. Eine bessere Gelegenheit scheint es nicht zu geben, das Land zu verlassen und einen Neuanfang anzustreben. Seine Reise verschlägt ihn relativ schnell nach Sorrent, Italien. (So eine wunderschöne Stadt, dass ich am liebsten direkt nach dem Film hingefahren wäre.) Dort trifft er auf Louise (verkörpert von der deutschen Schauspielerin Nadia Hilker, die ihren Job fantastisch macht) und die beiden verlieben sich auf Anhieb. Evan lässt seine Sorgen zurück und plötzlich ist es Frühling, ist es Italien, ist es die Liebe - was kann da noch für Ärger sorgen? Zum Beispiel eine seltsame Kreatur, die nachts durch die Stadt streift und tierische sowie menschliche Leichen hinterlässt?

Ich muss gestehen: Vor dem Filmfest hatte ich bei Spring meine Bedenken. Ich wusste nicht so recht, was ich erwarten soll - aber so oder so umging der Film meine Erwartungen ohnehin und lieferte etwas gänzlich anderes ab: einen Liebesfilm. Ja, Spring ist tatsächlich ein Liebesfilm, mit einem Liebespaar, einer Liebesgeschichte und einer Liebesmessage. Und diese Message wird auf eine wunderschöne Art und Weise mit der Body-Horror-Kompomente vermengt. So geht es plötzlich um Fragen wie: Wie schnell kann man sich verlieben und wissen, dass es etwas ernstes ist? Wie schnell plant man seine Zukunft, nur aufgrund einer netten Begegnung? Wie geht man mit dem Tod und der Liebe um? Wie reagiert man auf Widrigkeiten in einer Beziehung? Der Horror-Anteil des Filmes gibt diesem Themenkomplex einen schönen Beigeschmack, funktioniert darüber hinaus aber kaum. Wenn das Rätsel um das Monster gelöst ist und der Twist erfolgt, verengt sich der Streifen auf die beiden Hauptfiguren und erzählt die Geschichte konsequent zu Ende, ohne weiter nach rechts oder links zu schauen. Mir hat das aber gut gefallen.

Die größten Stärken des Films liegen aber in den zwischenmenschlichen Interaktionen. Die Dialoge sind gekonnt geschrieben und sehr gut gespielt. Die Chemie zwischen Evan und Louise stimmt und die "Frühlingsgefühle" sind sofort auf mich übergesprungen. Perfekter kann man das erste Kennenlernen, das erste Verlieben und die ersten Schwierigkeiten kaum verpacken. Ich habe nicht viele Liebesfilme gesehen, aber dieser hier war schön. Außerdem fängt Evan auf einem Bauernhof als "Hilfskraft" an und der Besitzer eben dieses Hofes ist ein weiteres heimliches Highlight. Angelo spricht kaum englisch, Evan spricht kaum italienisch und wenn es dann um italienische Frauen geht, zündet der Witz sofort. Witz hat der Film sowieso viel.

Fazit: schöner Film, mit weniger Blut, aber mehr Herz als erwartet. Und ein paar schönen Body-Horror-Effekten.

Wyrmwood

Automechaniker Barry muss nachts feststellen, dass ein Zombie in seiner Küche steht und den Kühlschrank leert. Kurzerhand überwältigen er und seine Frau den Eindringling und schalten ihn per Messer und Axt aus. Daraufhin wird eine Gasmaske aufgesetzt, mit Kind und Frau ins Auto gesprungen und losgefahren, um Barrys Schwester zu finden. Diese hat ihren Abend als Assistenz bei einem Fotoshooting verbracht, bis sich Model und Fotografin plötzlich in wilde Untote verwandeln. Gleichzeitig genießt Berry eine schöne Nacht mit seiner Familie unter freiem Himmel. Am nächsten Morgen macht auch er eine schreckliche Entdeckung. 

Wie ihre Wege zueinander führen, wieso sich manche Menschen (ohne gebissen zu werden, wohlgemerkt) in Zombies verwandeln und andere nicht und warum den Untoten permanent Gas aus den Mündern strömt, sind Fragen, die der Film allesamt auf kreative Art und Weise beantwortet. Überhaupt beweist Wyrmwood Mut, neue Wege zu betreten und Genre-Klischees clever zu umgehen. Das Team hinter dem Film kann vor allem auf die kreativen Ideen, die coolen Kostüme und all das Herzblut, das man dem Streifen in jeder Minute ansieht, stolz sein. Für meinen Geschmack fallen aber vor allem die Kamera viel zu wackelig und die Schärfenregler viel zu unkontrolliert aus. Über den Look des Films kann man streiten, mir hat es aber gefallen. Gerade dafür, dass die Filmemacher offensichtlich kein Blockbuster-Budget zur Verfügung hatten, ist ein feiner, australischer Genrebeitrag herausgekommen.

Zeitweise ist der Film ein Mix aus Mad Max und Zombieland, dann erinnert er wieder an die letzten Grindhouse-Filme (bspw Hobo with a Shotgun) und Purge 2: Anarchy. Dabei will der Film wirklich viel, kann aber nicht immer alles so umsetzen, wie man es vielleicht erwartet. Dafür wartet er durchgängig mit viel Charme und brachialem Witz auf. Wyrmwood weiß, was er ist, und nimmt sich deshalb nicht allzu ernst. An Freunde des Genres und Zombiefans würde ich den Film weiterempfehlen, allen anderen vor erster Sichtung jedoch empfehlen, sich vorher einmal den Trailer anzuschauen.

Tusk

Freunden von guten Filmen - und ich meine wirklich objektiv betrachtet gute Filme, Klassiker und schönes Autorenkino - dürfte der Name Kevin Smith wohl geläufig sein. Die Kultfiguren Jay und Silent Bob (verkörpert von Smith selbst) sind bekannt aus dem Afroman-Video, Dogma, Clerks I + II und nicht zuletzt Jay und Silent Bob schlagen zurück. Aber auch Filme außerhalb des Jersey-Universum sind durchaus erwähnenswert, allen voran der geniale "Red State". Tusk bildet nun den Auftakt zu Smiths geplanter, neuer "True North Trilogy". Das will ich nur vorweg sagen, damit ihr wisst, womit ihr es zu tun bekommt.

Die Hauptfigur des Films ist Wallace (dessen Name unter phonologischer Betrachtung wohl kein Zufall ist), der gemeinsam mit seinem Freund Teddy eine Podcast-Show macht. Sie heißt "Not-See-Party" und Hauptgedanke dahinter ist, dass Wallace durch die Welt reist und coolen Content für den Podcast sammelt, welchen er anschließend Teddy vorstellt - der die Dinge eben nicht selbst sieht. Als die beiden auf das Video des Kill Bill-Kid stoßen - ein Jugendlicher, der sich selbst mit einem Samurai-Schwert ein Bein abtrennt - weiß Wallace sofort: dieser Junge muss in die Show. Bei seiner Ankunft in der Heimat des Kill Bill-Kids (Kanada) ist der junge Mann allerdings bereits verstorben. Abhilfe muss her, damit Wallace und Teddy eine gute Show vorbereiten können. Zufällig stößt Wallace auf den alten Mr Howard Howe, der Interessierten anbietet, die zahlreichen Geschichten seines aufregenden Lebens zu erzählen. Allerdings hütet Mr Howe ein schreckliches Geheimnis: er ist seit einem tragischen Ereignis besessen von Walrössern. Aber nicht nur das, denn er ist so von ihnen besessen, dass er unbedingt eines als Freund haben will. Und Wallace bietet das perfekte Material, um ein neues Walross zu formen, mit dem Mr Howe viele schöne Stunden verbringen kann...

Ein alter Mann, der einen Menschen nach und nach in ein Walross verwandeln will? Shut up and take my money! So verrückt wie sich der Plot anhört, so gut ist der Film. Ich kann keine der kritischen Stimmen verstehen, die ich schon mancherorts vernommen habe. Tusk ist ein wahres Meisterwerk - und das meine ich vollkommen ernst. Kevin Smith in Höchstform: ein Witz jagt den nächsten, die Dialoge stehen denen in Clerks oder Dogma in nichts nach (übertreffen sie beiweilen sogar) und die Story steigt Stufe für Stufe eine Treppe nach oben, die sich in ungeahnte Höhen erhebt. Alle Schauspieler machen ihre Sache super: Justin Long, den ich schon immer mochte, und der geniale, unerreichte Michael Parks (schon bei Tarantino gefeiert, seit Red State im Höhenflug) geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Wenn dann in der zweiten Hälfte noch Johnny Depp in einer Rolle auftaucht, die ich hier gar nicht vorwegnehmen will, erreichen Absurdität und Humor ihren Zenit.

Der Film lebt nur von einer Idee, aber die ist so gut, dass es niemals langweilig wird. Immer, wenn man denkt, dass man jetzt weiß, wohin es führt, schlägt Tusk einen Haken. Zeitliche Rückblenden und kleine Einschübe lockern das ansonsten zeitlich und räumlich begrenzte Setting auf. Tusk ist ein Film, der Spaß macht. Aber er ist nicht nur lustig: bisweilen wird es ziemlich grausam, ziemlich eklig und ziemlich böse. Es erreicht zwar nie die Ausmaße des ersten Human Centipede, aber Erinnerungen daran werden schon wach. Da ich allerdings auch Human Centipede großteils als humorvollen und unterhaltsamen Film verstanden habe, ist das nichts schlechtes. Mit einem schwachen Magen sollte man trotzdem nicht an Tusk herangehen.

Genug der Lobrede, ich denke, ihr habt es verstanden. Tusk ist ganz groß! Bleibt abschließend also nur noch eine Frage offen: is man, indeed, a walrus at heart?

1 Kommentar:

Ey Yo Penny hat gesagt…

Ein wirklich lesenwerter Querschnitt der diesjährigen FFF-Nights. Deine Einschätzung zu Film eins und vier teile ich. Den Liebesfilm und den Zombiefilm habe ich nicht gesehen. Mein Gehirn ist leider nicht so aufnahmefähig. Jedenfalls werde ich mir den italienischen Frühling selbst bestimmt einmal anschauen. Den Zombiequark lass' ich Zombiequark sein. Das liegt aber nicht an deiner Rezension, sondern daran, dass es Zombies sind :)!