Donnerstag, 7. Mai 2015

Max schreibt - Fünf (bescheidene) Tipps für Autoren

Da ich, wie schon des Öfteren erwähnt, über alle Maßen gutmütig und großzügig bin, ist es wohl wenig überraschend, dass ich euch an meinem Genie teilhaben lassen möchte. Als mehr oder weniger erfolgreicher und mehr oder weniger erfahrener Autor ist es ja geradezu meine Pflicht, euch ein paar Tipps mitzugeben, die mehr oder weniger direkt zu Ruhm und Anerkennung führen. Oder wenigstens zu einem ganz passablen Text.

Wer nun behauptet, dass es vermessen sei, aus meiner Position heraus Ratschläge zu erteilen, dem biete ich mehrere Antwortmöglichkeiten an. Sucht euch eine aus.

1. In den letzten drei Jahren habe ich rund 300.000 Wörter in privaten Texten (Buch, Kurzroman, Geschichten) geschrieben. Texte für die Universität lasse ich da schon außer Acht. Also ein bisschen Schreiberfahrung bringe ich mit. Auch habe ich selber viel über das Schreiben gelesen.

2. Als ich anfing zu schreiben war ich für jeden - wirklich jeden - Tipp dankbar. Ob nun von Stephen King oder dem Typen neben mir im Zug. Man muss sich ja nicht jeden Ratschlag zu Herzen nehmen - aber verschiedene Perspektiven zu gewinnen und an verschiedenen Erfahrungen teilzuhaben ist bestimmt nicht das Schlechteste, wenn man Texte produzieren will.

3. Ich behaupte nicht, dass meine Tipps super und absolut allgemeingültig seien (obwohl sie das natürlich sind). Ich möchte nur einen Einblick in meine Schreiberfahrung geben und vielleicht dem einen oder anderen Leser, der selbst am Schreiben interessiert ist, zeigen, worauf er achten könnte, wenn er wollte.

So, und nun meine fünf bescheidenen Tipps für Leute die schreiben, schreiben wollen oder einfach nur aus Interesse lesen:


1. Sport

Damit hast du nicht gerechnet, was? Aber ja, Sport ist meiner Meinung nach der wichtigste und viel zu selten erteilte Tipp an Autoren und alle die es werden wollen. Stell dir vor, dass du die nächsten zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre an der Tastatur verbringst und schreibst. Und jetzt mal dir mal aus, wie dein Körper es dir danken wird. Richtig - er wird es dir gar nicht danken.
Ich bin 21 Jahre alt und habe die letzten drei Jahre viel zu wenig Sport gemacht - inzwischen habe ich richtig schöne Rückenprobleme. Keine ernsten und keine, die sich nicht wieder in den Griff kriegen ließen, aber wenn ich von Anfang an mehr auf mich und meine Fitness geachtet hätte, wäre es erst gar nicht so weit gekommen.
Abgesehen davon hat Sport aber noch einen positiven Nebeneffekt: man kann dabei hervorragend nachdenken. Wenn ich einen Plot ersinne - denn Autoren denken sich keine Stories aus, sie ersinnen einen Plot - dann entsteht manchmal ein ziemliches Chaos in meinem Kopf. Erst wenn ich mich nebenher beschäftige, wird alles etwas geordneter. Früher habe ich immer auf einem Block rumgezeichnet und Gedanken mitgeschrieben, inzwischen mache ich lieber ein paar Fitnessübungen. Danach sind die Handlungsstränge in Form gebracht und ich eine ganze Ecke entspannter.
Wenn du also schreiben willst, dann denk daran, Sport zu machen. Es muss ja kein Hochleistungssport sein, nur eben ein Ausgleich. Ich kann zum Beispiel diese sogenannten "30 Day Challenges" empfehlen - einfach mal googeln.

2. Löschen

Wenn du einen Text schreibst, dann gewöhne dich daran, Passagen zu löschen. Ja, du hast tagelang daran gesessen, ja, diese Szene war von Anfang an essenziell für den Plot und ja, sie ist ja auch gar nicht so schlecht. Aber vielleicht ist sie eben auch gar nicht so gut.
Wenn all die Kapitel und Szenen, die ich zwischenzeitlich gelöscht habe, noch im Buch wären, dann hätte es gewiss hundert Seiten mehr. Das klingt übertrieben, aber es ist wirklich so. Über die Jahre sind so viele Kapitel und Szenen flöten gegangen oder durch andere ersetzt worden, dass es fast schon einem "Lösch-Massaker" gleicht. Aber: der Papierkorb ist kein Feind, sondern dein bester Freund.
Bei mir ist es so: wenn ich mich in Rage schreibe, richtig in eine Szene reinfalle und den "Vibe" finde, dann kann es schon einmal passieren, dass ich an einem Stück vier oder fünf Seiten schreibe. Und von diesen vier oder fünf Seiten kann ich im Normalfall drei am nächsten Tag löschen und den Rest überarbeiten. Irgendwo in diesem Schreibfluss habe ich die Konzentration verloren und dann einfach so vor mich hingeschrieben. Also wird es gelöscht und neu gemacht.
Aber das Wichtige daran ist: das ist nicht schlimm. Am Anfang mag es sich so anfühlen, als wären die ersten fünfzig Seiten (das ist so eine magische Grenze, wie der Kaninchenbau bei Alice - danach geht's erst richtig los) heilig und als dürfte nie, nie, niemals etwas damit passieren. Aber lies sie dir nach ein paar Monaten mal wieder laut vor und überlege, ob sie überhaupt noch deinem aktuellen Standard entsprechen. Wenn ja - gut, dann warst du von Anfang an sehr konzentriert. Wenn nicht - kein Problem. Denk daran: ohne diese ersten fünfzig Seiten wärst du niemals dort angekommen, wo du jetzt bist. Sie zu löschen oder zu bearbeiten ist kein wirklicher Verlust. Denn - und das ist wichtig: Jeder geschriebene Satz ist eine Übung. So wie beim Gitarrespielen auch jede falsche Note eine Übung ist. Solange dir auffällt, dass sie falsch war, hat es dich weiter gebracht.

Kleiner Tipp am Rande:
Ich habe schon oft in Schreibratgebern oder entsprechenden Foren gelesen, dass es eine gute Übung sei, sogenannte "Schreibaufgaben" zu bewältigen. Also quasi einen Text zu einem bestimmten Thema oder unter bestimmten Gesichtspunkten zu verfassen. Beispielsweise: "Du gehst mit ein paar Freunden zum Bus. Worüber unterhaltet ihr euch?" oder Ähnliches. Ich habe so etwas noch nie gemacht und bin da auch wenig überzeugt von. Warum? Dazu muss ich etwas weiter ausholen.
Wenn ich eine Passage in meinem Buch schreibe, passiert es manchmal, dass ich die Lust verliere. Ich schreibe eine Szene, die eben geschrieben werden muss, und rotze sie regelrecht heraus. Was ich allerdings bisher jedes Mal feststellen musste, wenn mir das passiert ist, war folgendes: genauso lieblos, wie die Stelle geschrieben ist, liest sie sich auch. Eine lustlose oder eine "das-muss-halt-an-dieser-Stelle-stehen"-Passage erkennt man sofort. Richtig gut wird ein Text erst, meiner Meinung nach, wenn sich in jedem Satz die Liebe zum Thema, zu den Charakteren und zu der Szene breitgemacht hat. Und deshalb schreibe ich keine Schreibaufgaben: es wären keine Themen oder Handlungen die ich mir selbst ausgesucht habe, folglich auch keine zu denen ich eine besonders große Liebe aufbauen könnte. Natürlich stärkt so etwas trotzdem die Fingerfertigkeit, das Handwerk sozusagen, und darum möchte ich keinesfalls davon abraten. Nur über den Effekt solcher "Übungen" sollte man sich im Klaren sein.

3. Abstimmung

Unter Abstimmung verstehe ich, dass alle Einzelteile deiner Geschichte aufeinander abgestimmt sind. Oft bekommt man Tipps wie: "Kreiere eine lebendige Welt, indem du..." oder "Kenne deine Charaktere besser als dich selbst" und so weiter. Das ist alles gut und richtig, aber dabei wird oft außer Acht gelassen, dass in jeder Erzählung der Schwerpunkt etwas anders liegen kann.
Beispiel: du bekommst eine Idee für eine Geschichte. Deine Idee ist allerdings keine konkrete Handlung, sondern nur eine interessante Figur. Sagen wir: ein akrobatischer Clown, der aufgrund eines Alkoholproblems aus seinem Zirkus geworfen wurde und nun eine neue Arbeit sucht. Jetzt geht es an die Abstimmung - du willst die Geschichte dieser Figur erzählen, du willst ihr Inneres vermitteln und die Handlung daran aufziehen. Dann tu das - und wirf erst einmal alle Tipps für eine lebendige Welt über Bord. In diesem Moment zählt nur der Clown: wie sieht seine Welt aus? Was ist, wenn seine Welt überhaupt nicht lebendig aussieht? Was ist, wenn die Welt für seine Story sowieso nur zweitrangig ist?
Es passiert schneller, als man denkt, dass man an drei Baustellen gleichzeitig arbeitet: an der Story, den Charakteren und der Welt. Und an allen drei Baustellen hat man hervorragende Ideen - die aber plötzlich nicht mehr aufeinander abgestimmt sind. Meiner Meinung nach ist es am einfachsten, wenn man sich erst einmal auf einen der drei Bausteine fokussiert. Was ist der Kern deiner Geschichte bzw. was willst du erzählen? Möchtest du uns eine fantastische Welt näherbringen? Gut, dann überlege dir, welche Art von Charakteren in so einer Welt leben würden? Und schon hast du das Handwerkszeug, um einen Plot zu ersinnen (siehe z.B. Walter Moers und seinen Blaubär - hier geht es vorrangig um die Welt, was die Charaktere und die Handlung aber nicht weniger spannend macht).
Oder hast du eine Handlung, die du nur noch in ein entsprechendes Setting betten musst? Beispielsweise einen Banküberfall. Dann überlege dir: welche Charakterzüge muss so ein Bankräuber haben? Welche Charakterzüge muss der Bankchef haben, der durch seinen Widerstand die Story maßgeblich beeinflusst? Und was muss eigentlich meine Welt erfüllen, damit so ein Banküberfall überhaupt möglich ist?
Wenn man einen Schal strickt, fängt man auch nicht an drei Seiten gleichzeitig an. Man beginnt an dem einen Ende und strickt zum anderen. Überleg, was der Kern deiner Idee ist, und mach von da an weiter. Am besten ist es natürlich, wenn zum Schluss alles perfekt ineinander greift (hier ist wohl mal wieder George Martin eines der besten Beispiele), aber auch dafür musst du irgendwo anfangen.

4. Erwartungen und Enttäuschungen

Ich bin ein großer Freund von Klischees, denn sie machen viele Dinge einfacher. Wenn man eine Figur einführen muss und sich einiger, simpler Klischees bedient, dann hat der Leser direkt ein Bild im Kopf. Der Rum trinkende, grölende Piratenkapitän, der Detektiv, mit einem Hang zum Alkohol und harten Sprüchen. Die Liste ist endlos. Wieso muss man immer gleich das Rad neu erfinden? Es gibt viele Klischees, die nicht nur einen schnellen Leseeinstieg ermöglichen, sondern vielleicht sogar gut sind - oder wenigstens ihre Berechtigung haben.
Der Trick ist es, die Erwartungen, die man durch das Bedienen von Stereotypen erzeugt, zum richtigen Zeitpunkt zu unterlaufen. So einfach es klingt, so einfach funktioniert es auch - und meiner Erfahrung nach sind die einfachsten Tricks oft die besten. Also denk einfach vor der nächsten Szene darüber nach, wo du vielleicht eine kleine Wendung einbauen kannst, die den Leser überrascht. Sie muss nicht einmal storyrelevant sein - Effekthascherei darf auch in einem Buch passieren, solange es der Unterhaltung dient.
Paradebeispiele dafür sind, unter anderem, Sergej Lukianenko und Andrzej Sapkowski. Das mag nicht einmal immer ihre Intention gewesen sein, sondern auch einfach meine durch amerikanische oder englische Fantasyliteratur geprägte Leseerwartung. Oder, um einmal einen Regisseur als Beispiel heranzuziehen, Tarantino: auch er führt Charaktere ein, die man direkt zu kennen glaubt, da sie so viel "Typisches" auszeichnet, um gleich darauf dieses Bild zu unterlaufen.

5. Liebe

Mit Liebe meine ich das, was ich oben schon erwähnt habe: liebe deinen Text. Liebe deine Geschichte, sei überzeugt von dir und davon, was du erzählen willst. Habe Spaß am Schreiben und verfall nicht in einen Automatismus. Wenn du bloß etwas schreibst, um zu schreiben, liest man das sofort. Ich weiß, wovon ich rede - mir passiert das oft genug. Überlege, wie du die Szene schreiben würdest, wenn sie wirklich nur für dich selbst gedacht wäre. Was unterhält dich? Was bringt dich zum Lachen oder zum Weinen? Wenn dein Text dich selbst berührt, dann wird er andere ganz sicher berühren. Aber wenn deine Worte bloß dazu da sind, einen Inhalt zu verpacken, ohne Gefühle zu vermitteln - wie sollen sie dann andere begeistern? Versuche, dich selbst zu überraschen.
Das ist sowieso ein guter Tipp für alle Lebenslagen: Liebe bringt mehr, als alles andere. Liebe deinen Text und lass andere diese Liebe spüren. Der Rest ist bloß erlerntes Handwerk und viel Übung. Und wenn du einmal an einer Szene verkrampfst, dann mach für ein paar Stunden Pause und setze dich dann wieder daran. Manchmal wirst du dich selbst motivieren müssen, um die nötige Ruhe mitzubringen, das Schreiben wirklich zu genießen. Aber der Genuss ist das Wichtigste. Zumindest sehe ich das so.


Das war der letzte Tipp und damit entlasse ich euch in das verdiente Wochenende. Letzte Woche habe ich angekündigt, dass es heute mit meiner Bloggeschichte weitergehen soll, aber das musste ich auf nächste Woche verschieben. Da kommt sie dann aber wirklich. Also haltet euch den nächsten Donnerstag frei - was nicht sonderlich schwer fallen dürfte - und seid bereit für den zweiten Teil meiner Blogserie. Bis dahin!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Genug jetzt von dem selbstverliebten Gepose. Wo bleibt der zweite Teil?
Wir lieben deine Geschichte auch, daher her damit.
Ok, die Tipps waren ganz gut, aber nächste Woche gehts weiter mit Ludovik, sonst weiß ich wo dein Haus wohnt...

Anonym hat gesagt…

Ludwik natürlich, was denkst du dir auch so komische Namen aus...