Dienstag, 30. Juni 2015

Max schaut - Mad Max - Fury Road

Wer "Mad Max - Der Vollstrecker" gesehen hat, weiß, dass George Miller es eigentlich kann. Aber so großartige Werke wie "Schweinchen Babe" oder "Happy Feet" (von dem Donnerkuppel-Film ganz zu schweigen) machen es einem natürlich schwer, mit einem guten Gefühl an den neuen Mad Max heranzugehen. Ich habe es trotzdem versucht - und wurde nicht enttäuscht.

Zunächst zur Story:
Max Rockatansky, ein einsamer Wanderer in der postapokalyptischen Wüste, gerät in die Fänge von Immortan Joe. Der ist Herrscher über ein paar hübsche Berge, in denen es nicht nur reichlich Wasser gibt, sondern auch eine Armee von "War Boys" - Immortan Joes Krieger. Außerdem besitzt er noch etwas: Brüter - oder wie wir sagen würden: Frauen. Ja, in George Millers Vision werden Frauen als Besitz gehandelt.
Eine von Immortan Joes Imperatorinnen (von denen man im ganzen Film allerdings auch nur diese eine zu sehen bekommt) findet das nicht besonders prickelnd, packt Joes Brüter kurzerhand in ihren riesigen Truck und macht sich mit ihnen vom Acker. Immortan Joe, der gerne noch ein paar Kinder zeugen würde, gibt seinen wertvollen "Besitz" natürlich nicht kampflos auf und macht sich mit seinen War Boys auf die Jagd nach den geflohenen Frauen.
Einer dieser War Boys, Nux, befindet sich in einem ziemlich kritischen Zustand - seine zwei Tumoren (Larry & Barry) machen ihm das Leben schwer. Den eigenen Tod schon vor Augen, beschließt er trotzdem, mit den War Boys zu fahren. Damit er noch etwas länger durchhält, braucht er eine permanente Bluttransfusion. Und hier kommt wieder Max ins Spiel, der fortan nur noch als "Blutbeutel" bezeichnet und auf das Auto von Nux geschnallt wird, um ihn mit Blut zu versorgen.

Der Rest des Films besteht aus Autos, die ineinander krachen, gegen Felsen prallen, explodieren, durch die Luft geschleudert, mit Feuer beschossen oder sonstwie in ihre Einzelteile zerlegt werden. Die Story um die geflohenen Frauen, Max und Immortan Joe nimmt zwar noch ein paar Wendungen, aber die sind alle sehr vorhersehbar. Sehr, sehr vorhersehbar. Aber daraus macht der Film auch keinen Hehl - George Miller weiß, was ihm wichtig und was ihm nicht wichtig ist.

Wichtig ist die Welt, wichtig sind die Charaktere, wichtig ist die Folklore, wichtig sind die Stunts, wichtig ist das Artdesign, wichtig ist die Komposition aus Schnitt, Musik und Kameraarbeit.

Unwichtig ist eine tiefgehende Story, unwichtig sind überraschende Wendungen, unwichtig sind lange Dialoge, unwichtig sind Erklärungen, unwichtig ist eine stringente Erzählung.

George Miller erschafft mehr ein Gefühl, als eine Geschichte. Die Welt von Mad Max breitet sich vor dem Zuschauer aus, ohne dass sie erklärt wird. Man wird einfach für zwei sehr kurzweilige Stunden reingeworfen, an deren Ende auch irgendwie ein Endpunkt steht - aber Max' Geschichte ist trotzdem noch lange nicht vorbei. Wir fangen mit einem verlorenen, einsamen Wanderer an und hören mit einem verlorenen, einsamen Wanderer auf. Was dazwischen passiert, ist nur ein kurzer Einblick in die Welt, in der Max Rockatansky sich bewegt.

Daraus entsteht wieder einmal das besondere Gefühl zu Max, das auch schon der zweite Teil herauf beschworen hat - er ist kein Held in dieser Welt, nein, er ist nicht einmal der Hauptakteur. Er bewegt sich in einem trostlosen und verdörrten Land, das seine eigene Regeln hat. Wir sehen die Welt durch Max Augen, aber wir beeinflussen sie nicht, dadurch, dass Max sie nicht beeinflusst. Zwar greift er in das Geschehen ein, aber er ist selten der Dreh- und Angelpunkt. Auch ist es nicht seine Absicht oder eigene Motivation, die ihn Teil der Geschichte von "Fury Road" werden lässt - es ist sein Unvermögen, sich gegen Immortan Joes War Boys zu verteidigen. Er wird gefangen, er wird als Blutspender benutzt, sogar sein berühmter "V8 Interceptor" wird ihm wieder einmal genommen und kehrt auch nicht zurück.

Abgesehen davon gibt es eine weitere Komponente, die den Umgang mit Max interessant gestaltet: er wird nicht mehr von Mel Gibson verkörpert, sondern von Tom Hardy. Meiner Meinung nach hat Hardy in Fury Road einen sehr guten Max abgeliefert. Aber durch den Wechsel des Darstellers geht auch ein Wechsel von Max einher: laut George Miller ist Fury Road weder eine Fortsetzung der alten Trilogie, noch ein Reboot. Es ist eine eigene Geschichte, die der gleichen Welt folgt und die gleichen Namen trägt, aber trotzdem nur lose mit der alten Trilogie verbunden ist.
Das macht es zwar ungemein schwerer, einen Vergleich zu ziehen und Fury Road in das bisher bekannte Mad Max-Filmuniversum einzuordnen, aber es ist auch ein spannender Umgang mit der Materie. Übrigens sind schon zwei weitere Mad Max-Filme angekündigt, also wird es in einigen Jahren zwei abgeschlossene Trilogien geben.

Das "Filmische" in Fury Road ist meiner Meinung nach perfekt. Rasende Kolonnen von abgefahrensten Gefährten werden von der Kamera großartig eingefangen. Immer wieder ist man sehr nah am Geschehen, kann das Metall wortwörtlich bersten sehen, um sich gleich darauf mehrere Dutzend Meter über der Wüste zu befinden und den Autos bei ihrer kompositorischen, fast schon choreografischen Verfolgungsjagd zuzusehen. Der Schnitt tut da sein Übriges.
Auch die Farbgebung wird wild durchgewechselt, ohne dass dabei jemals in Effekthascherei verfallen wird. Dominieren in der Wüste die Rot- und Gelbtöne, wird bei einer nächtlichen Fahrt durch ein Sumpfgebiet auf ein sehr trockenes Blau zurückgegriffen - sodass manche Einstellung fast schwarz/weiß wirkt.
Die Stunts und Explosionen sind übrigens über jeden Zweifel erhaben. Ich würde fast so weit gehen, zu sagen, dass das, was "The Raid" für Martial-Arts-Actionfilme war, Mad Max nun für Autostunts ist. So gut wie alle Stunts sind handgemacht, jedes einzelne der Autos gab es wirklich und viele der Crashes konnten nur ein einziges Mal gedreht werden - weil die jeweiligen Vehikel danach nicht wieder zusammen geflickt werden konnten. Und all die Handarbeit und Choreografieplanung, die in Fury Road geflossen sind, sieht man dem Film auch in jeder Szene an. Da jagt ein Highlight das nächste, angefangen bei einem Truck mit drehbarem Schaufelbaggerturm, über einen unglaublichen Sandsturm (wirklich unglaublich, so etwas habe ich noch nie gesehen!) bis zu dem Showdown, in dem noch einmal alles zerlegt wird, was es bis dahin halbwegs heile durch den Film geschafft hat.

Die größte Stärke hat der Film für mich allerdings in seiner "Folklore" - oder, um es anders auszudrücken, in George Millers Umgang mit einer Welt, die irgendwie auf unserer fußt, aber ihren eigenen Regeln folgt. Wie könnte eine postapokalyptische Zukunft aussehen, in der Autos vergöttert werden, in der Benzin mehr wert ist, als Wasser, und in der es nicht mehr nur um das Überleben, sondern auch um das Erschaffen geht? Miller gibt darauf einige Antworten.

Fast in jeder einzelnen Einstellung gibt es Details zu entdecken, bei denen ich mir sicher bin, dass Miller stundenlang darüber erzählen könnte. Es gibt Symbole, die einem bekannt vorkommen, aber scheinbar doch eine andere Bedeutung haben. Die War Boys leben und fahren im Namen von Immortan Joe, um einen Heldentod zu sterben und dadurch nach "Valhalla" zu gelangen. Immer wieder gibt es solche Andeutungen auf die Historie unserer eigenen Welt. Ob es nun Anleihen der Wikinger- Mythologie sind, Gespräche über Fernsehstationen, die möglicherweise noch senden, oder einfach die Gefährte der War Boys, die ganz klar aus Teilen verschiedenster, unserer Welt entliehenen Autos gefertigt sind.

Fury Road lebt für mich von diesen Details. Es gibt so vieles zu entdecken in diesem Film - und nichts davon wird erklärt. George Millers Mad Max-Universum scheint sich in seinem Kopf bereits so sehr ausgebreitet und vor allem verselbstständigt zu haben, dass er es zu keiner Sekunde für nötig hält, besondere Dinge auch besonders zu beleuchten. Dadurch verschmilzt die Filmwelt zu einem sehr konsistenten Gemälde, dessen Einzelteile alle gleich wertvoll und gleich berechtigt sind. Nichts wird besonders in den Fokus gerückt und nichts wird bewertet.

Ich habe tatsächlich nichts an Fury Road auszusetzen - es ist ein kolossaler Film und ich werde ihn noch viele Male schauen können, das weiß ich jetzt schon. Und ich freue mich auch schon auf die zwei folgenden Teile. George Miller scheint mit seinen 70 Jahren tatsächlich an einem Punkt angekommen zu sein, wo er ganz genau weiß, was er uns zeigen kann und will - deshalb mache ich mir wenig Sorgen, dass die Qualität dieser neuen Mad Max-Trilogie genauso schwankend sein wird, wie die der alten.

Für Fury Road gibt es von mir also eine klare Empfehlung für alle Fans von Action, Autos und Postapokalypse.

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