Donnerstag, 23. Juli 2015

Max liest - Ready Player One

Es wird mal wieder Zeit für ein bisschen Nerdkultur auf meinem Blog - hier wird Fanservice schließlich noch groß geschrieben. Und da mein Geschmack in Sachen Medien und Konsumgüter bekanntlich über jeden Zweifel erhaben ist, bietet euch die folgende Buchempfehlung einen erheblichen Mehrwert. Der Roman wird euch gewiss gefallen, gerade, wenn ihr meinen Blog mögt (und wie könnte man ihn nicht mögen?).

Die Rede ist von "Ready Player One", geschrieben von Ernest Cline. Es ist zwar schon etwas älter -um genau zu sein: 4 Jahre - aber vielleicht habt ihr das Werk ja verpasst und freut euch jetzt über diesen Tipp.

Die Story in wenigen Sätzen:

2044 - die Welt liegt in Trümmern. Atomkriege, wirtschaftliche Ausbeutung durch Multikonzerne, fehlende Zukunftsperspektive - der Teenager Wade Watts hat keinen besonders aufmunternden Alltag. Doch statt sich mit der Realität herumzuschlagen, versinkt er lieber Tag und Nacht in der Online-Simulation "OASIS". Dort hat der just verstorbene Erfinder der OASIS, James Halliday, ein Easter-Egg versteckt. Und derjenige, der es findet, bekommt als Preis das Erbe von Halliday: eine derart unverschämt hohe Geldsumme, dass sich so ziemlich jeder, der Zugang zur OASIS hat, auf die Suche nach dem "Ei" begibt. Doch ausgerechnet Wade, ihr könnt es euch denken, ist derjenige, der den ersten Hinweis findet. Die Jagd beginnt...

Was sich erst einmal anhört, wie die tausendste Variante der bekannten "Sci-Fi-Online-Simulations"-Story, hat dann doch einige Alleinstellungsmerkmale vorzuweisen. Ready Player One ist zum Beispiel nur wenig vergleichbar mit einem "Otherland" (von Tad Williams). Wieso? Das hat mehrere Gründe.

Nummer Eins:
Die OASIS ist nicht bloß ein Spiel, wie beispielsweise World of Warcraft, sondern eine komplette Lebenssimulation. Wade geht dort zur Schule, schaut sich dort Filme an oder liest dort Bücher. Man erkauft sich den Zugang zur OASIS einmalig und hat danach unbeschränkten und kostenlosen Zugriff auf alle Medien, die von James Halliday zu diesem Zweck lizenziert wurden - und das umfasst so ziemlich jedes Album, jeden Film, jedes Buch, jedes Videospiel und jedes andere Kulturgut, das die Menschheit vor 2044 produziert hat.
Dennoch weist die OASIS auch klare MMORPG-Züge auf. Sie ist wie ein Universum aufgebaut, mit großen Quadranten, in denen jeweils eigene Galaxien, Sonnensysteme und Planeten liegen. Manche dieser Bereiche sind Filmen oder Geschichten nachempfunden: es gibt eine Star Wars und eine Star Trek-Galaxie, es gibt das Firefly-Universum, das Alien-Universum, es gibt sogar Azeroth. 
Und das ist der größte Vorteil von Ready Player One: das gesamte Buch fußt auf unserer Welt, fußt auf unseren medialen Einflüssen und auf unserer Internetkultur. In der OASIS wird mit Lichtschwertern gekämpft und bekannten Raumschiffen geflogen (bspw. die Nostromo oder der Millenium Falcon), es gibt öffentliche Theateraufführungen von der Rocky Horror Picture Show und Pac Man gilt immer noch als Klassiker der Videospiele. Das bietet natürlich jede Menge Futter für Anspielungen und Verweise im Dauerfeuer.

Nummer Zwei:
Dass unsere Welt als Basis für die OASIS und die Geschichte von Ready Player One dient, ist nicht nur eine Spielerei oder ein Kniff, um die Welt greifbarer zu machen, sondern Bestandteil der Story. James Halliday war bis zu seinem Tod ein riesiger Fan der Musik, der Mode, den Videospielen, Filmen, Büchern und der Popkultur der 80er Jahre - denn genau zu dieser Zeit wuchs er auf und wurde merklich davon geprägt. Um sein Easter-Egg zu finden und das Erbe anzutreten, muss man mehrere Hürden bewältigen und Rätsel lösen, für die ein fundiertes Wissen über sämtliche "Kanonwerke" (wie es im Buch so schön heißt) der 80er unerlässlich ist.

Nummer Drei:
Das Buch ist aus der Ich-Perspektive verfasst und wir erleben alles aus der Sicht von Wade selbst. Dabei ist der Ton des nerdigen, sozial schnell überforderten und wenig selbstbewussten Teenagers mehr als gut getroffen. Kein Bereich seines Lebens wird ausgeklammert: die desolate Familiensituation, die Armut, die Zukunftsängste, das Aufschauen zu Idolen, die Vergötterung der 80er (dieses ganze Retroding ist bei uns ja auch ziemlich populär, sodass manchmal sogar eine Art Metaebene aufgemacht wird), Masturbation und Pornos (it's still the internet, guys), sich online zu verlieben und zum Ende hin geht es sogar ein bisschen um das Erwachsenwerden. Dabei bleibt es immer realistisch und driftet nie in Klischees ab, was nicht zuletzt dem überraschend selbst reflektierten Wade geschuldet ist.

All das verbindet sich zu einer wilden Achterbahnfahrt aus 80ies-Worship, purem Nerdtum, dystopischer Zukunftsvision, Coming-of-Age Story und ironischen Kommentaren auf den heutigen Zeitgeist: alles muss schneller gehen, jeder will der Beste sein, die Suche nach "Geld, Ruhm und Sex" und die soziale Entfremdung.

Ich selbst bin nicht in den 80ern aufgewachsen, aber wie gesagt, die Glorifizierung dieses Jahrzehnts ist ja kein gänzlich fiktiver Trend - viele der Filme, Spiele, Musikstücke etc. die in Ready Player One angesprochen wurden, kannte ich. Andere kannte ich nicht und habe ich erst durch's Lesen kennengelernt, wofür ich sehr dankbar bin, gerade was die Videospiele angeht. Stellenweise kann man das Buch auch als "Einkaufsliste" für coolen 80ies-Stuff nutzen: ein ganzes Jahrzehnt, gefiltert und aufbereitet von einem, der immer noch darin lebt (Ernest Cline). Was er gut findet, ist meist auch gut. Und die Sachen, die ich nicht kannte und für die ich mich auch nicht weiter interessierte, haben den Lesefluss trotzdem nicht gestört. Dabei klammert der Autor tatsächlich nichts aus: sogar die unbekannteste, trashigste Animeserie findet noch ihren Platz in Ready Player One.

Besonders stimmig wirken die Figuren und das persönliche Empfinden von Wade. Im späteren Verlauf der Geschichte muss er sich nicht nur gegen die anderen Jäger durchsetzen, die ebenfalls auf der Jagd nach dem "Ei" sind, sondern auch gegen eine Armee von Angestellten eines Online-Multikonzerns, der mit allen Mitteln versucht, Hallidays Geschenk als erstes zu finden. Dafür gehen sie nicht nur online, sondern auch im Real-Life über Leichen. Wenn dann die Bedrohung des Online-Avatars mit der Bedrohung des "echten" Körpers vermischt wird, versteht man als Leser, wie sehr sich die beiden Welten in Clines Zukunftsvision überschneiden. Und wie sehr sie es auch schon in unserem Alltag tun.

Ebenfalls interessant ist der Umgang mit Alters- und Geschlechterrollen, sowie mit Reichtum und Armut. In der OASIS kann man aussehen, sprechen und wirken wie man will - und man muss vor allem nicht man selbst sein. Wenn Wade sich dann in eine Mitspielerin verliebt, von der er nicht einmal sicher weiß, ob sie eine "Spielerin" ist, kommen interessante Fragen auf. Verliebt man sich in das Bild, das man sieht, also in den Avatar, oder in das Bild, das vermittelt wird, respektive den Verstand? Spielen Geschlecht und Alter dann überhaupt noch eine Rolle? Was, wenn sich deine beste Freundin als dein bester Freund herausstellt? Ändert das irgendetwas?

Aber Ready Player One ist bei weitem kein politisches Buch. Der Kommentar auf den verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen, die diese Welt uns bietet, ist kein besonders ausgefeilter - trotzdem ist er da und das ist gut so. Allerdings vermittelt Ready Player One kein depressives oder hoffnungsloses Bild - es liegt halt alles in unserer Hand. Die Menschen entscheiden. Abgesehen davon bietet der Roman hauptsächlich sehr gute, abwechslungsreiche und mit Zitaten gespickte Unterhaltung. Die Welt entfaltet sich in allen Einzelheiten vor dem Leser, wirklich nichts wurde ausgelassen und an keiner Stelle gibt es Logikfehler oder irrationales Verhalten der Figuren. Und als Fan von popkulturell anerkannten Filmen, Videospielen und mit einem Hang zum "Retro-Wahn" bietet das Buch sowieso alles, was man braucht.

Ready Player One gehört zu den Büchern, die ich immer wieder lesen kann und jedes Mal nicht aus der Hand legen will. Ich behaupte, dass das ein sehr gutes Zeichen ist. Also klare Empfehlung von mir!

Es wurde übrigens schon eine Verfilmung angekündigt und die Fans brachen in Jubelstürme aus. Kann ich verstehen, aber nicht nachempfinden. Wie will man das verfilmen? Entweder wird es ein ziemlich mieses Effektfeuerwerk oder es wird ein herunter gebrochener, dem Buch nicht gerechter Film, der nicht einmal die Hälfte der Lizenzen hat, die man eigentlich für die Verfilmung bräuchte. Natürlich kann ich mich täuschen, trotzdem mein Pro-Tipp: lest auf jeden Fall das Buch, bevor ihr den Film schaut - wenn er denn dann irgendwann kommt.

Und zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, an euch Videospielfans da draußen. Wenn ihr Easter-Eggs und versteckte Gags in Videospielen interessant oder spannend findet, dann schaut euch einmal das hier an: hier klicken. Taking it on a whole new level...

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