Donnerstag, 16. Juli 2015

Max schaut - It Follows

It Follows ist gerade in Deutschland in den Kinos angelaufen - ich vermute allerdings, dass es nicht besonders viele Kinos sein können. Ich habe vorher kaum etwas davon gehört, geschweige denn gesehen, und bin nur auf den Film gestoßen, weil ein Freund mir davon erzählt hat. Das ist schade. Sehr schade.

It Follows stellt einen frischen und innovativen Horrorfilm dar, der letztes Jahr in Amerika gedreht wurde und nun seinen Weg nach Europa gefunden hat. Er erzählt die Geschichte der neunzehnjährigen Jay, die in einem typischen amerikanischen Vorort ein federleichtes Leben führt. Ihr Alltag besteht aus Abhängen im Pool oder mit Freunden, Kinobesuchen mit ihrem Freund und dem College. Bis sie zum ersten Mal mit ihrem Freund Hugh Sex hat...
Durch den Geschlechtsakt, so erklärt Hugh, hat dieser nämlich einen Fluch auf Jay übertragen. Und dieser Fluch, welcher auch als Plotaufhänger für den gesamten Streifen funktioniert, ist so simpel, wie genial: er verfolgt (im wörtlichen Sinne) den jeweils Verfluchten. It's as easy as that. Der Titel umschreibt den Film also ziemlich exakt.

Der Fluch, welcher immer in menschlicher Form hinter dem oder der Verfluchten her ist, folgt allerdings ziemlich langsam. Gemächlichen Schrittes läuft er hinter dir her, mal in Form eines gänzlich unbekannten Mannes, in Form der alten Frau von nebenan oder in Form deiner besten Freundin. Doch gleich, wie weit du läufst, fährst oder wohin du verschwindest, irgendwann holt er dich wieder ein. Und wenn er dich erreicht und dich berührt - tja, dann ist das Spiel vorbei. Damit ist der Fluch allerdings nicht aus der Welt, oh nein, er fällt auf denjenigen zurück, der ihn auf dich übertragen hat. Also gibt man ihn bestenfalls schnell weiter - per Geschlechtsakt natürlich - und hofft, dass der nächste ihn genauso schnell weiter gibt. Und so weiter - bis man irgendwann so weit hinten in der Kette ist, dass man hoffentlich nie wieder betroffen sein wird. Aber ganz los wird man ihn nie, diesen Fluch.

Viel mehr möchte ich gar nicht verraten, aber ihr könnt euch denken, wohin das ganze führt. Paranoia, Beklemmung, filmische Atmosphäre - hier wird nicht mit dem Holzhammer gegruselt (oder eben nicht gegruselt), hier fürchtet man sich von ganz alleine. Es braucht keine Jump-Scares, es braucht nur diese einfache Prämisse des Verfolgtwerdens und schon lauert das Böse hinter jeder Ecke.

Dabei arbeitet der Film mit einer so ruhigen, beschwerten und langsamen Kamera, dass es in manchen Szenen schon fast unerträglich wird. "Schwenk nach links", brüllt man dem Fernseher entgegen, weil man sich sicher ist, dass dort gleich etwas aus dem Wald kommen wird. Der Film weiß das und arbeitet immer wieder gegen die Sehgewohnheiten, sodass man bald hilflos jede einzelne Einstellung nach dem immer noch folgenden "Es" absucht, gleichzeitig aber hofft, es nicht zu finden. Der Verfolgungswahn der Protagonistin geht in rasantem Tempo auf den Zuschauer über.

Die Musik tut dabei ihr übriges - dröhnende Soundflächen, bedrückende Synthiemelodien und Anleihen an Filmscores der 80er paaren sich mit den ruhigen Bildern der trostlosen, amerikanischen Vorstadt der Postmoderne. Zusammen ergibt das eine melancholische, aber hübsche Tristesse. Vergleichbar ist die klangliche Untermalung am ehesten mit "Drive" von Nicolas Refn Winding.

Noch einmal zurück zum Grusel: ja, er ist vorhanden. Die Angst entwickelt sich automatisch mit dem Voranschreiten der Erzählung, was ja irgendwie zu erwarten ist. Jay wird verfolgt, wir als Zuschauer fühlen uns mit Jay verbunden, wir werden auch verfolgt. Allerdings ist es nicht nur das, tatsächlich hat der Film noch dieses bisschen mehr zu bieten. Die dichte Atmosphäre, die It Follows entwickelt, erinnert in ihren besten Momenten schon fast an "Shining". Die permanente Angst vor dem nächsten Aufeinandertreffen mit dem "Etwas" legt nur den Grundbaustein. Wenn "Es" unsere Protagonistin tatsächlich einmal einholt, dann geht es erst richtig los. Ganz ohne Jump-Scares, laute Geräusche und plötzliche Bewegungen wird den Zuschauern das Fürchten gelehrt - man will sich einfach nur die Bettdecke bis unter die Augen und im Notfall ganz über den Kopf ziehen. Diese Art von Film ist It Follows. Ein audiovisueller Strudel der Beklemmung öffnet sich, wie eine schöne, aber giftige Blüte, und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los.
Ein bisschen erinnert es an einen sehr intensiven Albtraum, aus dem man schweißnass aufwacht und nach dem man auch erst einmal nicht mehr einschlafen kann.

Und das allerbeste daran ist: It Follows ist zu keiner Sekunde plump oder dumm, sondern ausnahmslos clever. Der Subtext, der sich durch den sexuell übertragbaren Fluch erschließen lässt, wurde schon in einigen durchaus guten Artikeln diskutiert - aber lest sie euch erst durch, wenn ihr den Film gesehen habt. Ebenso gibt es weitere Lesarten: nach dem Sex ist man erwachsen - doch ist man erwachsen, dann wartet auch schon der Tod. So lässt sich der Film auch als Coming-of-Age-Geschichte, ebenso wie als Kommentar auf unsere Zeit verstehen. Nirgendwo ist man mehr sicher - Smartphones, Internet und Social Media verfolgen uns nicht nur überall hin, auch nehmen sie Einfluss auf unser Sexualleben. Ich rede nicht unbedingt von Pornofilmen, sondern davon, dass Freundschaften, Beziehungen und sexuelle Erfahrungen jederzeit geteilt werden können. Ein Post genügt. Doch wenn wir uns einmal einen Fehltritt erlauben, kann es uns auch bis an unser Lebensende verfolgen. Zuguterletzt beschäftigt sich der Film auch noch mit biologischen und sozialen Geschlechterrollen und ihrer jeweiligen sexuellen Prägung - was darf ein Junge, was darf ein Mädchen? Wie werden ihre Handlungen gesellschaftlich gewertet? It Follows gibt zwar keine Antworten, aber er greift auf unterschwellige Art und Weise ein paar spannende Fragen auf.

Im Jahr 2015 ist It Follows mit Abstand mein bisheriges Horrorhighlight. Keine zehnte Found-Footage-Reihe, keine Fortsetzung, kein Remake, kein notgedrungenes Abfeiern alter Klassiker, einfach ein frischer, selbstständiger, mutiger und sehr gruseliger Horrorfilm der alten Schule. Allerdings ist er trotzdem nicht "retro" - er greift den jugendlichen Zeitgeist meiner Generation erschreckend gut auf. Toller Film.


Wenn er bei euch in der Nähe läuft: schaut ihn euch an.

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