Donnerstag, 5. November 2015

Max' Senf - Hype (um Star Wars - Episode VII)

Nicht, dass mein Blog langweilig wäre - regelmäßige Leser wissen um das Gegenteil - aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass eine neue Rubrik dem Ganzen gut tun wird. Darum rufe ich hiermit offiziell ins Leben: Max' Senf!

Da ist sie, meine neue Kreation. Meine neue Blog-Rubrik. Mein neues Monster... Ich werde dich für alle Zeiten lieben. Für alle Zeiten! (Hier könnt ihr euch mein manisches Schurkenlachen vorstellen.)

In "Max' Senf" wird es, wie der Name schon sagt, um meinen Senf gehen. In "Max' Senf" geht es um kulturelle Phänomene, Internetgedöns, mediale Ereignisse, vielleicht sogar mal um Politik... Eben all das, was die Massen so bewegt. Hier widme ich mich übergreifenden Themen, die nicht zwangsläufig mit meinem Autorenleben oder dem damit verbundenen Konsumkosmos zu tun haben. Können sie aber auch, zB in Form von guten Filmen, guter Musik, guten Büchern oder guten Spielen - eben all das, was mein unanfechtbar guter Geschmack für würdig befindet.

Thema heute: Hype.

Was ist ein Hype? Für die Antwort bediene ich mich der Einfachheit halber schnell bei Wikipedia:
"Im Bereich der Pop- und Jugendkultur [...] ist Hype eine auch in Deutschland [...] geläufige Kritik-Vokabel für punktuell gesteigerte Aufmerksamkeit und Schnelllebigkeit. In jüngerer Zeit wird der Begriff Hype auch häufig für Produkte oder andere Bedarfsgüter verwendet, die für einen bestimmten Zeitraum besonders populär sind."

Gutes aktuelles Beispiel: Star Wars - Episode VII. Zu jedem Teaser und Trailer lassen sich jeweils hunderte "Reaction"-Videos auf Youtube finden, in denen teilweise kreischende, aufspringende, sogar weinende Fans zu sehen sind. Der offizielle Kinoticket-Verkauf für die Premiere am 17.12. hat schon vor einem Monat begonnen. Dass Mark Hamill/ Luke Skywalker auf dem Filmplakat nicht zu sehen ist und auch im Trailer nur in Form seiner Hand einen kurzen Auftritt hat, bot Anlass zu zig Reddit-Foren, auf denen fleißig die Gründe dafür diskutiert werden. Ich denke also, dass ich ohne zu lügen behaupten kann: es gibt einen Hype um Star Wars 7. Und er ist enorm.

Doch woher kommt das?

Der erste Star Wars-Film erschien 1977. Der letzte, hierzulande bekannt als Episode III - Die Rache der Sith, lief 2005 an. Die Star Wars-Geschichte wurde also in einem Zeitrahmen von fast 30 Jahren erzählt und hat nebenher direkt mehrere Generationen für sich gewonnen und popkulturell geprägt. Neben den sechs Kinofilmen gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Konsumgüter, die ebenfalls in der Star Wars-Welt stattfinden: die populäre Animationsserie, Spielzeuge, Videospiele, Bücher, Spin-Offs, wie die Ewokfilme, Conventions und übliche Merchandise-Artikel. Das Einflussgebiet von Star Wars ist also enorm. Das ist bei Hypes auch wichtig, schließlich entsteht dieser erst, wenn ausreichend Leute mit aufspringen.

Die meisten Menschen, die man nach Luke Skywalker oder Darth Vader fragt, werden sagen, dass sie die Namen schon einmal gehört haben. Ob sie die Filme nun kennen/ mögen, oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Fakt ist: einige der Star Wars-Charaktere spielen in einer Liga mit Figuren wie Harry Potter und Voldemort, Graf Dracula und Van Helsing, Gandalf und Sauron, Spongebob und Patrick, Sherlock Holmes und Doktor Watson, Batman und Superman... Ihr seht, die Liste ist lang. Aber trotzdem nicht unendlich, oder um es mit anderen Worten zu sagen: nicht jeder schafft es auf diese Liste. 

Von spezifischeren fiktiven Personen wie bspw Rorscharch aus Watchmen, Kurgan aus Highlander oder Blade aus Blade hat gewiss nicht jeder Mensch in meinem Alter schon einmal gehört. Es gibt Kreise, in denen auch diese Figuren bzw. die Werke, in denen sie auftreten, zu einer Art "Kanon" gehören. Aber Luke und Darth gehen weit darüber hinaus. Sie haben den Sprung in das kollektive Gedächtnis der Popkultur geschafft.

Doch rechtfertigt allein diese Bekanntheit auch einen Hype? Ich sage nein. Es gibt tausende Dracula-Verfilmungen und alle paar Jahre kommt auch mal wieder eine. Überschlagen sich deshalb die Internetforen? Natürlich nicht. Dasselbe gilt für Sherlock Holmes und Watson, Spongebob und Patrick, Batman und Superman.

Also muss es einen weiteren Faktor geben. Ich sage, es ist die Popularität.

Star Wars ist recht jung und was die offiziellen Auskopplungen angeht auch noch recht unverbraucht. 6 Filme sind nicht wenig, aber über einen Zeitraum von inzwischen über dreißig Jahren auch nicht besonders viel (siehe zB James Bond). Star Wars hat es über die Jahre außerdem geschafft, eine riesige Fanbase aufzubauen. Solche Phänomene gibt es - leider lassen es weder meine Zeit noch mein Intellekt zu, diese zu ergründen. Müsste ich eine Hypothese abgeben, so würde sie sich vermutlich folgendermaßen lesen: Star Wars war mit der richtigen Geschichte zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Star Wars war stilprägend für den Science-Fiction-Film und gilt bis heute als Referenz. Star Wars hat sich auf die richtigen Elemente reduziert. Das sind schon einmal ganz gute Voraussetzungen für Erfolg.

Hypes liegt meist nicht nur ein großer Bekanntsheitsgrad, sondern auch eine große Beliebtheit zugrunde. Warum sollte ich etwas hypen, was ich zwar kenne, was mir aber nicht gefällt? So einfach ist das. Aber ich kenne den schon oben angeführten James Bond und prinzipiell mag ich die Filme auch. Doch bin ich nun komplett aus dem Häuschen, wegen des neuen Teils? Bin ich nicht. Einige sind es, aber ich denke, dass der "Hype" um Spectre in keinem Verhältnis zu dem Hype um Star Wars steht.

Also noch einmal zurück zu der Frage: wieso dieser Hype? 

Ich denke, dass sich beim neuen Star Wars-Film mal wieder zwei Dinge zusammen finden, die sich schon seit Jahren regelmäßig zusammentun: Retro-Wahn und virtuelle Massenhysterien. Versteht mich bitte nicht falsch, ich freue mich auch auf diesen Film. Zwar stehe ich dem Ganzen deutlich skeptischer gegenüber, als einige meiner Mitmenschen, aber auch deutlich wohlwollender, als einige andere meiner Mitmenschen. Star Wars spaltet seit Episode I einfach die Gemüter. Und hier kommt eine weitere Eigenschaft dieses Franchises ins Spiel: Star Wars polarisiert. Und das vor allem im Internet.

Halten wir also fest: Star Wars hat zwar mehrere Generationen geprägt, sich aber auch zwischendurch immer wieder rar gemacht. Die Original-Trilogie steht mit einigen anderen Filmreihen sinnbildlich für die "goldenen 80er", die in den letzten zehn Jahren von Nerds/ Fans/ Hipstern aus allen Ecken des Internets (und mir) auf einen Götterthron erhoben und für unerreicht und unbeührbar erklärt wurden. Star Wars hat mit der neuen Trilogie frische Fans erobert, aber alte vergrault, und steht nun mit der neuen Episode bei beiden Gruppen im Rampenlicht. Fragen stehen im Raum: "Kann Episode 7 die neue Trilogie wieder gut machen?", "Kann Episode 7 die hohen Erwartungen erfüllen?" oder "Wird Episode 7 den Geist der alten Filme wieder einfangen?".

Die Komponenten für den gelungen Star Wars- Hype sind also: große Bekanntheit, große Beliebtheit und große Skepsis, gepaart mit hohen Erwartungen und am besten noch einer treuen, jedoch gespaltenen Fanbase. Nostalgie spielt vermutlich auch eine Rolle.

Vermutlich lässt sich das nicht auf alle Hypes übertragen, aber gewiss auf viele. "Der Hobbit". "Fallout 4". Die nächste "Game of Thrones"-Staffel. Das Muster passt.

Nüchtern betrachtet - und hier kommt endlich mein Senf - ist Star Wars aber eben auch nur ein popkulturelles Produkt (Betonung liegt hier auf Produkt). Dahinter steht eine Werbemaschinerie, dahinter steht ein Filmstudio (Disney) welches viel Geld mit einer teuer erstandenen Marke erwirtschaften möchte und dahinter steht eine fiktive Welt, erdacht von einem Mann, der einem fast schon zwei Jahrzehnte andauernden Megashitstorm ausgesetzt ist. Die einen lieben ihn, die anderen liebten ihn, die einen hassen ihn... Und so weiter.

Was mich zu der Frage bringt: wieso weinen Menschen, wenn sie den Trailer sehen? Wieso gibt es überhaupt diesen Mitteilungsbedarf, der in unzähligen Forenpostings, Facebookbeiträgen oder eben den angesprochenen Reaction-Videos seinen Ausdruck findet? Wir reden hier nicht von einem weltverändernden Ereignis, wir reden auch nicht von einer Religion oder einem Mythos (obwohl all diese Punkte natürlich strittig sind, schließlich wird Star Wars von einigen Anhängern durchaus in spirituelle Gefilde erhoben).

Kurzer Einschub: ich liebe Star Wars. Ehrlich. Ich liebe es. Ich liebe auch Harry Potter, oder Indiana Jones, oder Zurück in die Zukunft. Ich liebe Bücher, wie Herr der Ringe oder die Lovecraft-Geschichten. Wenn hitzige Diskussionen über solche, von mir für mich heilig-gesprochene Kulturgüter entstehen, kann ich sogar wütend werden. Ich kann mich, in ganz seltenen Fällen, sogar stellvertretend angegriffen fühlen oder beleidigt sein, wenn jemand etwas niedermacht oder angreift, was ich mag. Ich möchte nicht hören, dass Harry Potter unlogisch ist. Natürlich ist mir das klar und natürlich habe ich mir auch schon Gedanken darüber gemacht. Aber ich möchte den Zauber erhalten. Es ist ein bisschen, wie verliebt sein: man sieht die guten und die schlechten Seiten, aber nur die guten zählen.

Ich will sagen: auch mich können popkulturelle Erzeugnisse emotional tief berühren. Sie werden Teil meiner Welt, manchmal sogar Teil meiner Identität. Dass ich diese Filme mag, sagt etwas über mich aus. Das darf es auch. Aber ich will nicht, dass der Film mich einverleibt. Die Grenze ist vielleicht fließend, aber irgendwo fängt sie an und irgendwo hört sie auf.

Meiner Meinung nach sind viele Hype-Reaktionen ungerechtfertigt. Ich will nicht sagen, dass es generell etwas Schlechtes ist, beim Schauen eines Trailers in pure Hysterie zu verfallen. Wenn mich das Angesehene so sehr berührt, dann ist das eben so. Aber geht es noch um meine Emotionen, wenn ich mich weinend im Internet präsentiere? Oder ist der Hype dann purer Selbstzweck? Ich bin gehyped und ich hype für den Hype. Der Hype ersetzt das Gehypte.

Auch bei mir wurden nostalgische Gefühle und Glückseligkeit hervorgerufen, als ich den Millenium Falcon durch den abgestürzten Sternenkreuzer fliegen sah. Ich bin deshalb durchaus gehyped, im Sinne von: ich bin gespannt auf den Film. Jedoch will ich kein Teil des Hypes sein, nur um ihn am Leben zu erhalten. Und das womöglich, ohne es selbst noch zu merken.

Mein Senf zusammengefasst:
ich denke, dass zeitgenössische Hypes keine Phänomene sind, die nur aufgrund eines Filmes oder Buches entstehen. Hypes sind die Konsequenz der im Internet nur allzu beliebten Selbstdarstellung. Es geht nicht darum, sich auf etwas zu freuen, sondern darum, sich gemeinsam mit allen anderen zu freuen/ auch Teil der Sache zu sein. Am besten freut man sich sogar noch mehr als alle anderen. Im Episode-7-Hypezug fahren nicht nur Star Wars-Fans, sondern vor allem Hype-Fans mit. Und das erzeugt leider viel zu übersteigerte Erwartungen. Medienrummel war schon immer eine Sache. Hypes sind eine andere.

Nun bin ich aber schon Teil des Hypes... Mit diesem Post. Ob ich will, oder nicht.
Verdammt.

Aber wie gesagt: das ist nur mein Senf.

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