Mittwoch, 9. Dezember 2015

Fantasy Film Fest '15 - White Nights

Dieses Jahr gab es für den geneigten Genrefilmfan nicht nur ein Weihnachtsfest, sondern gleich zwei: das erste Mal im März (ich berichtete: hier klicken) und nun das zweite Mal am vergangenen Wochenende.

Das Fantasy Film Fest hat sich nämlich erneut erweitert und mit den White Nights den zweiten Ableger (neben den üblichen "Nights") geschaffen. Für mich natürlich mehr als nur Grund genug wieder nach Köln zu tingeln und diese illustre und inzwischen auch für mich sehr familiäre Veranstaltung zu besuchen. Leider hat es dieses Mal zeitlich mehr schlecht als recht gepasst und auch meine übliche Begleitung (hallo, Papa) konnte nur begrenzte Ressourcen schaffen, weshalb bei mir "nur" der Sonntag und "nur" zwei Filme in Frage kamen. Die habe ich aber selbstverständlich besucht und auch sehr genossen.

Zuallererst das größte Lob an die Veranstalter für die Wahl des Kinos! Statt des üblichen (übrigens auch guten) Filmtheaters direkt im Mediapark wurde für die White Nights auf das nicht weit entfernte "Residenz"-Kino (aka Astor Film Lounge) zurückgegriffen. Und dafür schon alle Daumen nach oben!

Von außen betrachtet sieht das "Residenz" aus, wie die üblichen Stadtrand-Kinos, die ich hier aus dem Ruhrpott kenne. Wenn man nach Recklinghausen oder Gelsenkirchen fährt und dort ein klassisches Seitenstraßenkino aufsucht, in dem in zwei Filmsälen abwechselnd drei Blockbuster und zwei Pixarfilme gezeigt werden, dann sieht die Fassade dort genauso aus, wie beim "Residenz".

Beim Eintreten entfaltet sich vor dem Filmfan ein kleines Foyer, mit rotem Teppich, einigen Stehtischen und einer erstaunlich modernen und vor allem gut ausgestatteten Theke. Cappucino, Kaffe, Moccacino, Moccapukaffee, schwarz-grün-weiß-blauer Tee, eben alles, was an einem Sonntagmorgen gefordert wird. Rechts daneben gibt es eine bequeme Sitzecke und eine schicke Garderobe.

Hier ist auch der Eingang zu Kino 1 - dem Saal, in welchem die White Nights auf uns warten.

So, Freunde, und jetzt kommt's - das Innere des Saals hat einen Kinoluxus geboten, den ich in dieser Form noch nie erlebt habe. Ledersessel mit verstellbarer Rückenlehne - aber nicht mit einem abgegriffenen, quietschenden Hebel, sondern einfach durchs simple, aber effektive "Zurücklehnen". Jeder Sitz hat eigene, lederne Armpolster. Alle zwei Sitze gibt es zwischen diesen Armlehnen auch noch ein kleines Holzbrett, zum Abstellen von Getränken und anderen Leckereien. Diese Mini-Holztische sind auch ausgestattet mit einem kleinen Lämpchen, sodass man auch im Dunkeln sieht, wohin man greift, und kein Maleur passieren kann. Aber die Kirsche auf diesem absolut zuckersüßen Sahnehäubchen: jeder Sitz - und ich spreche von jedem Sitz (außer in den ganz vorderen Parkett-Reihen) - hat einen Hocker, zum Füße hochlegen. Und es waren keine unbequemen, billigen Holzhöckerchen. Nein, mit Leder bezogene, dick gepolsterte Gourmethocker auf perfekter Höhe.

Aber, Leute, das Beste kommt noch: es wird gemunkelt, dass auch die Filmfest Nights ab nächstem Jahr in diesem Kino stattfinden sollen. Also treffen erlesene Filme aller Genres und ein Premiumkino der Sonderklasse aufeinander.

Ich muss gestehen, dass ich, nachdem ich in meinen Sessel gesunken war, eine bittersüße Träne der Glückseligkeit vergossen habe. Das Residenz-Kino in Köln ließ mein Herz höher schlagen!

So, aber nun zu den Filmen... Um eine Sache vorweg zu greifen: sie standen dem Kino in Nichts nach. Die beiden Streifen, die ich an diesem Tag gesichtet habe, waren "Demon" von Marcin Wrona (dessen bisherigen Werke an mir vorbeigegangen sind, und der auch leider keine mehr machen wird - doch dazu gleich mehr) und "Summer Camp" von Alberto Marini (der als Produzent an den [REC]-Filmen beteiligt war und das Drehbuch zu dem sehr empfehlenswerten "Sleep Tight" geschrieben hat). Zwei Filme mit sehr generischen Titeln, aber umso stärkeren Inhalten.

Demon

Der polnische Demon stand als Erstes auf dem Plan. Über die Story wusste ich zuvor kaum etwas, da - im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Filmen - der Trailer angenehm wenig verriet, dafür aber die Spannung extrem erhöhte. Das einzige, was meine Erwartungshaltung vorher schon beeinflusste, war die Tatsache, dass der Regisseur sich eine Woche nach der Premiere seines Filmes das Leben nahm - und nur kurz vor der polnischen Premiere auf dem "40th Gdynia Film Festival".
Ich hatte vor dem Film das Gefühl, dass der Selbstmord des Regisseurs meine Sicht auf den Film verändern wird. Dies hat sich im Nachhinein allerdings nicht bewahrheitet, denn nach den ersten fünf Minuten war ich schon so eingenommen von den Bildern und der Atmosphäre, dass ich mir gar nicht die Zeit nehmen konnte, groß im Film "herum zu interpretieren".

Kurz zur Story: Piotr (aka Peter aka Python) ist ein junger Engländer, der wohl erst vor kurzem in London seine große Liebe, die Polin Zaneta, kennenlernte. Weil die beiden sich so gern haben, beschlossen sie kurzerhand, zu heiraten. Auch die Zukunftsplanung steht schon fest: das große, alte und verlassene Haus von Zanetas Großeltern soll gleich nach der Hochzeit renoviert und dann bezogen werden. Außerdem bietet dieser Ort auch das perfekte Setting für die Hochzeitsfeier!
In der Nacht vor der Heirat macht Piotr auf dem Grundstück des Hauses allerdings einen grausigen Fund: menschliche Knochen. Und - zack, bumm - plötzlich ergreift ein böser Geist Besitz von ihm. Während der laufenden Feierlichkeiten in der darauffolgenden Nacht versucht Piotr herauszufinden, zu wem das Skelett gehört, welche Leichen die Familie seiner Frau (sonst noch) im Keller hat und außerdem die Alkoholvergiftung zu umgehen, die bei den Mengen an Vodka, die auf der Hochzeit fließen, quasi vorprogrammiert ist.

Die ersten Minuten des Films sind kühl, ruhig und fantastisch. Es beginnt mit sehr sanften und durchkomponierten Bildern und Einstellungen, denen man die Präzision und Planung auf Anhieb ansieht, ohne, dass es aufgebauscht oder übertrieben wirkt. Die ersten Kamerafahrten unterstreichen den ersten Eindruck. Gleich wird klar, dass das Team hinter dem Film etwas von Bewegtbildern versteht. Wenn Piotr auf einer Fähre über einen Fluss gebracht wird und die Kamera sich im perfekten Einklang gegen die Drehung der Fährte bewegt, um in genau dem Moment den Protagonisten ins Bild zu nehmen, in dem die Bewegungen verebben und Fähre, Kamera und Bildkomposition eine gemeinsame Stabilität finden, dann ist das ganz einfach und im wahrsten Sinne des Wortes "großes Kino".
Diese filmische Qualität zieht sich die vollen anderthalb Stunden durch, weshalb ich jetzt keine weiteren, blumigen Beispiele aufzählen werde. Seid euch einfach sicher: Demon ist technisch klasse und nie langweilig gefilmt.

Ähnliches lässt sich über die Handlung sagen: die erste halbe Stunde über passiert recht wenig und der Platz wird genutzt, um eine dichte Atmosphäre aufzubauen. Dem Zuschauer werden einige Hinweise darauf gegeben, was sich auf der Hochzeitsfeier später noch so alles zutragen mag. Manches davon trifft später auch tatsächlich ein, anderes bleibt aus. Generell beschreitet der Film oft Pfade, mit denen ich nicht gerechnet habe (technisch klasse und nie langweilig). Alles in allem gibt es allerdings keine großen Twists oder Wendungen. Die Story tritt ohnehin ab dem letzten Drittel des Filmes eher in den Hintergrund, denn dort wird immer deutlicher die unterschwellige Botschaft in den Mittelpunkt gerückt. Das Gute daran ist, dass es nie mit erhobenem Zeigefinger passiert. Auch wenn der Film zeitweise ganz schön aufdreht, bleiben die Zwischentöne leise und gut nuanciert.

Vor allem loben muss ich an dieser Stelle die gut geschriebenen Charaktere (auch perfekt verkörpert, Hut ab vor all den grandiosen Darstellern) und die exzellente Situationskomik, die zwischen den horrorlastigen Episoden den Film gut auflockern. In der Mitte des Films ergibt sich ein solcher Strudel aus gegenseitigen Polen, aus Witz und Schock, aus Nahbarkeit und Distanz, aus Musik und Bild, dass wirklich keine Zeit mehr bleibt, nachzudenken. Der Film wird zum Erlebnis und die polnische Hochzeit, mit Tanz, Gästen und Vodka (sehr viel Vodka... nein, ehrlich, sehr, sehr, sehr viel Vodka), reißt einen mit.

Schlussendlich hat der Film sich für meinen Geschmack aber für ein zu mysteriöses und verschachteltes Ende entschieden. Etwas mehr Greifbarkeit hätte mir hier gut gefallen, aber das ist wohl Geschmackssache. Die kleine Hommage an "Shining" hat mich als Filmfan trotzdem begeistern können.

Zur Meta-Ebene (hier folgen kleine Spoiler): die Geistergeschichte greift den jüdischen Dämonenglauben des "Dybbuks" auf und funktioniert so zeitweise - und gerade gegen Ende - als Metapher für die polnisch-jüdische Geschichte. Wrona verarbeitet hier das Schicksal von Juden in Polen im Hinblick auf den zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Dabei wird aber weder eine deutliche Betroffenen-Perspektive dargestellt, noch wird das oft behandelte Verhältnis zwischen Täter und Opfer aufgegriffen. Bei Wrona geht es einfach nur darum, zu fragen, was eigentlich mit den Nachbarn von früher passiert ist. Erinnert sich noch jemand an sie? Wie geht es Juden heutzutage in Polen und wie verarbeiten sie die europäische Geschichte/ wie setzen Polen als Land und die Polen als Landsleute sich damit auseinander? (Spoiler Ende)

Aber auch ohne Meta-Ebene funktioniert der Film wunderbar und bietet einen schönen Mix zwischen Grusel, Witz und viel polnischem Flair. 

Falls Demon hier auf DVD und BluRay veröffentlicht wird - und ich hoffe so sehr, dass das passiert (nicht wie bei Marshlands, der auf den Nights lief) - findet er auf jeden Fall einen Platz in meinem Regal. Horrorfreunden und vor allem Cineasten (oder welche, die glauben Cineasten zu sein, so wie ich) sei dieser Film wärmstens ans Herz gelegt. Ach, und stellt Vodka bereit.

Summer Camp

Summer Camp ist eine spanische Produktion und hat auf den ersten (und zweiten) Blick recht wenig mit Demon gemein. Die Ausgangssituation ist eine überaus klassische: vier hippe und zufälligerweise allesamt sehr gut aussehende Twens finden sich in dem titelgebenden spanischen Summer Camp ein, wo sie spanischen Kindern zwei Wochen lang Englischunterricht geben und eine schöne Zeit bereiten sollen. Morgen ist der Tag der Ankunft, doch der Abend soll noch einmal ordentlich genutzt werden. Von einer Privatparty ist die Rede. Dass die beiden männlichen Teammitglieder gleich in der Eröffnungssequenz ihre Meinungen über die anwesenden Frauen in wenig eloquenter, dafür umso chauvinistischerer Weise (getreu dem Motto "Wer nimmt welche?") äußern, scheint die Grenzen direkt klar abzustecken: Wir befinden uns im Reich der Dummen und Schönen, der Klischees und Stereotypen, der Plattitüden und der schlechten Entscheidungen. Wir befinden uns im Slasher-Terrain, dem Genre, von dem schon seit Jahren behauptet wird, dazu wäre alles gesagt.
Oder befinden wir uns vielleicht doch in einer anderen Dimension, in der ein Film scheinbar alle fünf Minuten eine andere Richtung einschlägt, bis zum Schluss doch alles perfekt zusammenläuft?

Ihr könnt es euch schon denken: Summer Camp stellt sich in die Reihe der Genrevertreter, die uns seit rund zehn Jahren immer wieder an der Nase herumführen, indem sie gekonnt das Gewohnte vorführen und dann sämtliche Erwartungen untergraben. Er ist dabei nicht ganz auf dem Niveau von einem "You're Next" oder einem "The Cabin in the Woods", aber sehr dicht dahinter. Freunde von solchen Filmen, wie auch "Housebound" oder jüngst "The Final Girls", werden bei Summer Camp voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Szenen- und End Credits-Applaus auf den Nights sind eine Ehre, die sich jeder Film mit stolz erhobener Brust auf die Fahne schreiben darf.

Wie genau der Story-Aufhänger in Summer Camp aussieht, will ich noch gar nicht verraten. Wenn ihr ihn schauen wollt, dann geht am besten einfach mit der Erwartung ran, einen cleveren und unterhaltsamen Horrorfilm zu schauen. Dabei wird es nie unglaublich blutig, obwohl es einige sehr fein gesetzte und gut vorbereitete Gewaltspitzen gibt, und auch nie unglaublich gruselig. Spannend trifft es wohl am ehesten.

Wenn nach rund 30 - 40 Minuten auch bei der schwächsten Kerze im Leuchter der Groschen gefallen ist, dreht der Film plötzlich richtig auf und schöpft voll und ganz aus seinem Potenzial. Dieses Tempo hält er mühelos bis zum Ende durch, bis das Finale noch einmal gut einen draufsetzt. An einigen Stellen sind manche Wendungen zwar recht vorhersehbar, aber trotzdem gibt es zum Ende immer wieder mal kleine Überraschungen. Langweilig wird es nie.

Die Darsteller machen ihre Sache gut, vor allem Jocelin Donahue spielt hier schön gegen ihre coole und eher ruhige Rolle in "The House of the Devil" an. Oscarmaterial braucht man natürlich nicht erwarten, wäre aber auch fehl am Platz.

Schlussendlich entlässt Summer Camp den Filmfreund mit einem liebevollen und auch leicht gehässigen Grinsen auf dem Gesicht und gibt einem einmal mehr das Gefühl, dass zum Horrorgenre eben noch nicht alles gesagt ist. Die Basis, auf der viele Filmemacher heute ihr Handwerk verrichten, bietet immer noch zahllose Möglichkeiten, mit nur einem kleinen Kniff etwas frisches zu erschaffen.


Dies ist doch eine schöne Aussicht für die nächsten Fantasy Film Fest Nights und White Nights, auf die ich mich jetzt schon freue - ganz besonders aufgrund des tollen Kinos. Viele der anderen Filme, die gezeigt wurden, hätte ich übrigens auch furchtbar gerne gesehen. Die Filmauswahl war also auch dieses Mal wieder "on top" - schön, dass es dich gibt, Fantasy Film Fest. Und sagt mir mal bescheid, wenn "Road Games", "Bone Tomahawk", "Southbound" und vor allem "Baskin" hier irgendwo im Ruhrpott noch einmal laufen oder fürs Heimkino erscheinen.

Keine Kommentare: